Y : Erinnerungsfetzen-Kindheit

– wird nach u. nach ergänzt

Die Festplatte ist wie leer gefegt, schon immer.
So, wie ich mich seit Jahrzehnten frage, wie ich 16 Jahre lang mit der Schwester in einem Zimmer gelebt habe, und dennoch keine zehn Erinnerungen mit ihr im Kopf finde.
So, wie mir alte Schulfreunde und Studienfreunde Stories erzählen, an denen ich beteiligt gewesen sein soll. Echt? Das habe ich gemacht? Ungeheuerlich! Glaub ich nicht!
Seit Jahren versuche ich meine Festplatte abzugrasen und bin dabei über folgenden Fakt gestolpert:
Ich habe wesentlich mehr Erinnerungen an meine Kindheit außerhalb der elterlichen Wohnung.
Und das sind schöne Erinnerungen, die die lebenshungrige Mari zeigen, eine freche, auf Bäume und Mülltonnen kletternde
Mari, die nie ihren Hintern irgendwo ruhen lassen konnte.

Ich plane diese Seite als eine Speicherform, die immer wieder ergänzt wird, z.B. nach nächtelangem Grübeln ohne Schlaf, bei dem mir wieder und wieder Fetzen um die Ohren gehauen werden, die schnell auf einen Spickzettel sollten und dann hierher.
Für den Leser sicher nicht sehr informativ, aber über einen langen Zeitraum gesehen, lässt sich sicher damit ein Bild über meine Gedächtnis- Festplatte machen, eine zerstückelte Festplatte mit gelöschten, falsch abgelegten oder virenbefallenen Dateien.
Es wird Zeit für mich, mir einen geordneten sogenannten Lebens-Zeitstrahl zu erstellen.

Heimaufenthalte  im ersten Lebensjahr:
Ich sehe, im Bett liegend, wie zwei Personen mich von einem in ein anderes Gebäudeteil rollen, weil ich am Himmel die Bäume an mir vorbei ziehen sehe, rechts und links hohe Laubbäume (Laub… weiß ich heute, wenn das Bild kommt).

Liege im Bettchen, fühle die Hilflosigkeit, weil niemand kommt. Links kommt Licht ins Zimmer (Fenster). Das Bett ist bis zum oberen Rand an allen 4 Seiten blickdicht, d.h. ich nehme nur wahr, was oberhalb ist.
Und dennoch sehe ich alles von oben – als würde ich an der Zimmerdecke schweben – das Zimmer, mich, das Bett, das Fenster und wo die Tür ist.

1. Wohnung  0-7 Jahre

Marie (3 J.): Ich sitze auf dem Ehebett am Kopfende mit angezogenen, umklammerten Beinen und habe Angst, dass sich die Tür öffnet. Ich darf nichts anderes außer warten. Pure Angst.

Er kommt rein. Ein dichter Bart, kein Gesicht. Ich bekomme keine Luft. Angst, Schreien.

Pfützenwäsche: (5 J.) Vom Spielen sind meine Schuhe an den Spitzen schmutzig geworden. Ich hocke vor einer Pfütze auf unserer Straße, tauche mein Stofftaschentuch hinein und reibe damit dann die Schuhe sauber. Plötzlich macht es laut neben /über mir: „Pu!“ In Angst erstarrt sehe ich den Vater vor mir stehen, fühle mich erwischt, bekomme panische Angst vor ihm.

Bruderbett stürzt nachts ein: (5 J.) Ein Kinderzimmer mit Doppelstockbett, das Gitterbett des kleinen Bruders (unter 1 Jahr). Die Eltern sind am Abend weggegangen. Wir Mädchen sind in Bruders Bett gestiegen, er jauchzt, hält sich stehend am Gitter fest. Wir albern mit ihm, das Bett bricht durch, weil wir zu schwer sind. Irre Angst vor der Rückkehr der Eltern. Unser Versuch, das Bett zu reparieren (Schwester 7 J.) scheitert. (PS: Sehe in dieser Erinnerung nicht die Schwester, obwohl ich weiß, dass sie dabei war.)

Eiskunstlauf:
Ich war noch ein Kindergartenkind, erinnere ich mich, und mein abendliches Einschlafritual nach dem Licht löschen war mein ganz persönliches Märchen. Ich war eine Eisprinzessin, zeigte meine Tanzkünste auf Schlittschuhen in einer voll besetzten Eislaufhalle. Bei wunderbarer Musik sah ich mich tanzen. Am Ende hörte ich den Applaus.

Brikett Nikolaus: Wir Schwestern haben geputzte Stiefel rausgestellt. Ich bin 5/6 Jahre alt. In meinem Stiefel aber befinden sich ein Kohlebrikett, eine Rute und eine Salami, keine Süßigkeiten. Bin tief enttäuscht.  Erklärung der Eltern: ich verweigere zu oft Wurst zum Abendbrot. Später erzählte mal die Mutter, sie hätte schon in jeden Babybrei Zucker mischen müssen, damit ich überhaupt was esse.

Kochtopf mit Taschentüchern/Windeln: Die Kinderzimmertür befand sich gegenüber der offenen Miniküche. Von dort sah ich immer den riesigen Kochtopf mit Taschentüchern und Windeln drin. Es roch ekelig, wenn dieser Topf ewig am Kochen war. PS: Damals hatten wir noch keine Waschmaschine (1967)

 

2. Wohnung 

Kein Trinken tagsüber: Am Morgen eine Tasse Schwarztee, in der Schule gab es die Milch (bis ich das Geld für Zigaretten ausgab), zum Abendbrot gab es wieder 1 bis 2 Tassen Schwarztee. Das war alles. Brause oder ähnliches gab es nur zu Feiern.

Gebrauchte Teebeutel: Erinnere mich, dass der morgendliche Tee daraus bestand, den schon vorher benutzten Teebeutel des Vaters nehmen zu müssen und noch mal drüber zu brühen.

Pflichtwurst: Ein in der Familie erfundenes Wort. Nun, wir waren mit 3 Kindern also 5 Personen. Da war dann schon mal eine Wurstsorte ehe alle als die andere. Eisernes Gesetz war, man durfte sich erst von seiner Lieblingswurst nehmen, wenn man vorher die Pflichtwurst – die, mit dem älteren Datum – genommen hat, ob sie einem überhaupt schmeckt oder anekelt war irrelevant.

Essenszwang: Obwohl ich weiß, dass es öfter vorkam, habe ich genau eine Situation noch im Gedächtnis. Ich sitze am Tischende mit dem Rücken zur Tür, die stand offen, alle anderen hatten den Raum längst verlassen. Zweimal war ich schon mit Brechreiz zum Würgen auf der Toilette. Glaube, dass ich dort Stücke aus dem Mund loswerden wollte. Ich sollte so lange sitzen bleiben, bis der Teller leer war. Und glaubt mir, bei jedem Stück Fett , Speck oder Gezarre/Sehnen würgte es mich bis zum Abwinken. Wie ich es hasste Dinge essen zu müssen, vor denen ich mich ekelte.
Seit ich aus der Familie raus bin, fasse ich nichts dergleichen mehr an, Fleisch wird so lange „zerlegt“, bis kein Gramm fettiges mehr dran ist. So kann man mich heute mit Speckstückchen im Schmalz jagen…geht nicht in den Mund, geschweige denn runter. Lecker Eisbein …wunderbar …doch bloß schnell die dicke fette Ekelschwarte vom Teller runter…sonst geht gar nichts.

Ohnmachten:
Lieblingsspiel in der Schule:
Du umarmst den anderen von hinten in Höhe des Brustkorbes, und drückst so lange zu, bis dir die zuschauenden Mitschüler ein Stoppzeichen geben. Das kam entweder bei einem Zeichen des „Opfers“, wenn man diesem zu sehr Luftnot ansah, oder wenn die Ohnmacht eintrat.
Kann nicht sagen, wie wir auf solchen Unfug kamen. Aber von mir selbst weiß ich noch, dass ich selbst irgendwie durch das Spiel gehofft habe, die Angst vor den echten Ohnmachten zu verlieren.  Ohnmachten , die die ganze Kindheit über wie aus dem Nichts kamen, unkontrollierbar.

 

Rauschmittel:
Flucht in den Rausch war für mich als Kind gleichgesetzt mit der Realitätsflucht. Im Laufe der Jahre haben sich die Möglichkeiten verändert. Das erste in meiner Erinnerung sind die Gänge ab dem 8. Lebensjahr auf unseren Friedhof in M., der nur 100 Meter entfernt von der Wohnung war. Die Gräber hatten eine magische Anziehungskraft, wünschte ich mich doch am Liebsten immer dort hinein. Ich beneidete sogar die Toten, ist das zu fassen? Dass mir die dicken Blütendüfte der dort ansässigen Büsche und Bäume irgendwie halfen, an einem Grab stehend mich aus mir selbst zu entfernen (innen tot zu machen), mich unberührbar, unantastbar, gefühlslos zu machen, das weiß ich bis heute.
Die Ohnmachtsspiele in der Schule waren wohl das Nächste, was mich in Rausch versetzen sollte.
Dann war so ab 10 Jahre die Zeit des Klebstoffschnüffelns dran. (1972) Leere Milchtüten, Klebstoff rein, Tüte vor Mund und Nase, das war’s! 50 Pfennig für Wochen, was will man mehr.
So mit 12/13 Jahren (1974) erkannten wir die üblichen Magentropfen als ideal. Sie hatten viel Schlafmohnanteil. Nur musste man die trinken, mindestens das halbe Fläschchen, sonst hatte man nichts davon.
Zu Partys (Jugendzeit) konnten die anderen ihren vielen Alkohol bezahlen. Ich hatte eine andere Lösung schnell den Rausch zu erreichen: eine „Faustan“ (Beruhigungsmittel) und eine Schnaps. Fertig! Das war für mich erschwinglich.

Im Blut    (9 Jahre)

Sitze am Boden, jeder Knochen tut mir weh. Die Zimmertür ist zu. Bin allein. Meine Finger verschmieren das Blut, das auf den Dielen ist … Holzdielen… ich schiebe das Blut zwischen die Ritzen der Dielen. Versunken, bin völlig in mir versunken, froh, dass ER mit mir fertig ist, dass er das Zimmer verlassen hat. Ich möchte auch in den Ritzen verschwinden.

…………………………….
Musikraten
Spiele auf Hof
Streiche auf Straße
Kaffeemühle gegen Nugana
Rote Grütze

Süßes 2 mal im Jahr und Pfefferminzkissen
Riegelklau mit 8
Tanzgruppe/Flöte
Gute Nacht sagen
Pickelquetschen und Fussmassagen

Einpullern
Schulunfälle
Sparschwein
Sandalette auf Boden nähen
Mondsüchtig
Biergarten
Eifersucht auf Berta
Oma auf Sofa /J. Schläge
abhauen mit 16
nuckeln bis 16

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