F : eigene Kurzgeschichten

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Hast du?                                                                    01.02.17

Sie stellt die schweren Einkaufstaschen ab, stemmt die Hand in den Rücken und stöhnt. Er kommt in die Küche gestürmt: „Und? Hast du’s ihm gesagt?“
Sie lässt ihre rechte Schulter kreisen: „Hm!“
„Was hm?“
„Hm ist hm, mir tut alles weh.“ Dabei versucht sie eine Tasche auf den Tisch zu hieven.
„Was’n nun? Hast du?“ fragt er.
Sie lässt es bei dem Versuch, richtet sich auf, schaut ihn kurz an und verlässt die Küche.
Er sieht auf die offene Küchentür, dann auf sein Bierglas in der Hand. Nach dem zweiten Blick zur Tür trinkt er in einem Zug das Bier aus, wischt sich mit dem Jackenärmel über den Mund. Dann strafft er seinen Körper und stapft in Richtung Wohnzimmer.
Sie liegt erschöpft im Sessel und starrt an die Decke.
Von der Tür kommt: „Ich will jetzt wissen, ob du’s ihm gesagt hast!“
„Mach es doch selbst!“
Kaum das letzte Wort ausgesprochen landet der erste Faustschlag auf ihrem linken Auge. Dann kniet er über ihr.
Zwischen seinen Schlägen bemerkt er erst einen sonderbaren Blick von ihr, dann einen heftigen Schmerz in der Brust.
„Mach es doch selbst!“ sagt sie, rollt ihn von sich runter und verlässt die Wohnung.

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Der rosa Stuhl                                  Okt. 2016

Ein Stuhl stand tagaus, tagein mit 14 anderen in einer Reihe. Menschen gingen mit kritischen, musternden Blicken an ihnen vorüber. Einige setzten sich sogar mal auf den einen, mal auf den anderen, nur eben niemals auf unseren.
Mit vergehenden Wochen wurde dieser erst immer trauriger, dann missmutiger.
Es war ein Dienstag, an dem ihm vor Neid und Wut der Kragen platzte. Eine wunderschöne Dame hatte sich für den Nachbarstuhl entschieden, nachdem sie genüsslich mit ihrem Hintern auf diesen hin und her gerutscht war. „Den hier“, sagte sie zu ihrem Begleiter „den hier werde ich kaufen. Er ist wunderbar.“
Unserem Stuhl würdigte sie keinen Blick. Vor lauter Enttäuschung und Wut lief er rot an.
„Iiii, guck mal Opa“ hörte man einen Jungen rufen, „der hat aber eine hässliche Farbe!“
Ja, tatsächlich! Die Farbe des Stuhles war plötzlich Signalrot.
Das war für den seit Wochen hoffenden Stuhl zu viel. Resigniert verfiel er bis tief in die Nacht in einen Dämmerzustand.
Das Schlüsselklappern des Nachtwächters machte ihn munter und er rief so laut er konnte: „Kannst du mir helfen?“ Neugierig kam der Nachtwächter näher. „Was ist den los? Warum machst du so ein Geschrei?“ Der Stuhl antwortete: „Kannst du mir die rote Farbe abwaschen? So kauft mich doch keiner.“ Der Nachtwächter sah sich den Stuhl genauer an, befühlte ihn, drehte ihn dabei hin und her. „Du bist aus Plastik, da kann man nicht einfach mal so die Farbe ändern. Hm! Warte, ich habe eine Idee! Ich stell dich in ein Bleichebad, vielleicht hilft das!“
Gesagt, getan.
Am nächsten Morgen stand an der gleichen Stelle in der Stuhlreihe ein völlig verzweifelter Stuhl. Alles war umsonst gewesen, das stundenlange Bad, die nassen Füße, die tropfende Nase.
Rot war er zwar nicht mehr, aber rosa???? Das ist doch keine Farbe für einen Stuhl. Am liebsten wollte er in den Boden versinken vor lauter Scham.
Aber kaum dass der Laden geöffnet wurde, hörte man ein lautes „Hurra! Mama, da ist ein Prinzessinenstuhl! Kann ich den haben?“ Ein kleines Mädchen kletterte auf unseren Stuhl, ließ die Beine baumeln und sang: „Ich bin eine Prinzessin, ich bin eine Prinzessin!“
Seitdem steht der rosa Stuhl mit stolz gereckter Lehne in dem Kinderzimmer von Lara.

Gretas Lächeln                                                                                                                   1.11.16

Nur ein Fehltritt auf nassem Stein und alles kam ins Rutschen.
Hart schlug sie mit dem Schädel auf, und trotzdem suchten ihre Hände verzweifelt nach einem Halt. Dabei riss sie Grashalme aus, brach einen Busch ab und entwurzelte ein junges Bäumchen. Auf dem Bauch rutschend nach das Tempo zu, dem sie nichts entgegensetzen konnte. Ein Fingernagel nach dem anderen brach ab am felsigen Untergrund. So sehr sie auch suchte und griff, da fand sich kein Halt, nichts, was ihren Absturz hätte verhindern können.
Als sie sich ihrem Schicksal ergab, die Hände nur noch nutzte um den Kopf zu schützen, da schmeckte sie das Blut, roch den nassen Boden, hörte das Getöse der der herabstürzenden Steine. Dann war sie mittendrin, das Tempo nahm rasant zu, bis der freie Fall kam.
Eine Hundertstelsekunde war ihr, als schwebe sie, leicht und frei. Die Zeit reichte, um ihr ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Sie wurde 4 Tage später gefunden unter zwei Meter hohen Geröllmassen.
Das Lächeln in ihrem Gesicht ist heute, 21 Jahre später, noch immer das Gesprächsthema im Dorfkrug.

Der Engel und das Herz                                              24. Februar 2014

Als der Engel auf die Erde hinabstieg, fand er ein offen da liegendes Herz. Vorsichtig nahm der Engel das noch schlagende Herz in seine Hände und legte es sich an seine Halsbeuge.
Hier sollte es bleiben, bis seine Wunden verheilt sind, und es wieder am Leben teilhaben kann.
Das Herz liebte den warmen Platz an der Halsbeuge, passte seinen Schlag dem des Engels an, und begann ganz langsam zu heilen.
Als der Tag kam, wo das Herz wieder ins Leben hinaus sollte, flehte es den Engel an, auf der Erde zu bleiben in seiner Nähe!
Es wusste nicht mehr um seinen eigenen Schlag. Der Engel aber meinte liebevoll zu ihm: “Es war nicht mein Herzschlag, den du glaubtest zu fühlen. Es war der Herzschlag des Lebens! Geh in die Welt und sieh dir das Leben an!”
Dann legte der Engel seine warme, weiche Hand ein letztes Mal auf das Herz, verabschiedete sich, und stieg zum Himmel hinauf!
Das Herz aber konnte den Schmerz um den Abschied nicht verwinden und spaltete sich vor lauter Gram.
Seit diesem Tage haben alle Herzen dieser Welt zwei Kammern.
Eine für das Leben, die andere für den Schmerz.

Liebe auf den ersten Blick                             15.4.13

Sie betritt den Raum und bevor sie überhaupt die Tür schließen kann, wird sie umhüllt von einem so betörenden Duft, dass es ihr fast den Atem nimmt.
Als sie sich umschaut, fängt ihr Blick etwas so unfassbar Schönes ein, sie kann es nicht glauben. Sieht hin, noch aufmerksamer, es bleibt. Es bleibt vor ihren Augen, verschwindet nicht einfach so. Diese anmutige Schönheit muss also wahrhaftig sein.
Sie kann ihre Augen nicht losreißen von diesem Wunder. Heiß und kalt läuft es in tosenden Wellen ihren Körper hinunter und wieder hinauf. Überall scheint sie Gänsehaut zu haben, ist völlig elektrisiert.
Und jetzt erst merkt sie, dass sie nach Luft schnappen sollte um nicht zu ersticken.
Ein tiefer Seufzer entfährt ihrem Mund, von dem der erste Schweißtropfen fällt. Sie fühlt die Hitze in sich und die vielen Schweißperlen auf der Stirn. Oh wie peinlich! Verlegen nesselt sie unbeholfen ein Taschentuch aus ihrer Jacke, muss sich dabei an einem Holzregal festhalten, weil die Beine ihren Dienst versagen wollen. Mein Gott, denkt sie, was passiert hier gerade mit mir?
Total nervös wischt sie in ihrem Gesicht herum und hofft, dass niemand ihren Zustand bemerkt. Beschämt senkt sie den Kopf, überlegt, wie sie sich dem Dilemma entziehen könnte. Nichts fällt ihr ein. Sie scheint wie angewurzelt zu sein, festgetackert auf den Boden ohne Rückzugsmöglichkeit.
Vorsichtig hebt sie ihren Kopf wieder und bemüht sich, angestrengt aus dem Fenster zu sehen. Die Gedanken fahren Achterbahn, sie zittert am ganzen Körper. Aber länge hält sie es nicht aus. Sie muss wieder hinsehen. Durch Magie scheint die Schönheit den Blick auf sich zu ziehen. So eine sanfte, zarte Haut, die weichen Kurven… Oh Gott, ihr Mund wird trocken und ihre Lippen werden heiß, sie scheinen anzuschwellen vor Lust. Fehlt nur noch, dass ich zu sabbern anfange, schießt es durch ihren Kopf.
Ihr wird schwindlig und sie versteht die Welt nicht mehr.
Ruhig atmen, denkt sie, einfach nur ruhig atmen. Sie schließt die Augen, atmet langsam tief aus und ein, immer wieder. Nur ändert es nichts an ihrer Aufregung.
Ich muss hier raus, hämmert es in ihrem Kopf, ich muss hier raus, sonst überlebe ich das nicht.
Gerade als sie sich umdrehen will, klopft ihr jemand an die Schulter. „Uns sie? Was wünschen sie?“
Wortlos zeigt ihre zitternde Hand in die Richtung: Die da!
„Eine Plundertasche für die Dame! O.k.!“

Anna und die Zauberfee     (10.2.13)       erlebt

Wie gebannt sieht sie auf den Schnee, den Kopf zur Seite geneigt mit weiten, staunenden Augen. Er funkelt sie an im schönsten Blau.
Vorsichtig verlagert sie ihr Gewicht auf den hinteren Fuß, und kann nicht verstehen, dass der Glitzer plötzlich lila glänzt. Stirnfalten bilden sich. Sie wippt nach vorn – wieder blau, wippt zurück – lila. Vor, zurück, blau, lila, blau, lila.
Es fasziniert sie so sehr, dass sie den Atem anhält, – vor – zurück – vor – zurück.
Probiert das Wippen langsamer, dann wieder schneller. Vielleicht kann sie ja so die Zauberei austricksen? Nein. Keine Veränderung, blau – lila, blau – lila.
Ein tiefer Seufzer löst ihre Verwunderung auf. Sie greift mit ihrer Hand in den Schnee, will die Glitzersteinchen aufsammeln. Aber…?
Enttäuscht betrachtet sie die Schneekrümel auf ihrer Hand. Die sind einfach nur weiß.
Wo ist das Glitzern hin? Doch dann merkt sie, dass es weiter zaubert, denn die Schneekrümel sind einfach weg, schwuppdiwupp weg!??
Die Zauberfee ist also immer noch da.
Sie greift nochmals in den Schnee, hält die Hand ganz dicht vor ihre Augen und sieht, wie die Schneekrümel wieder weggezaubert werden. Oh, wie spannend! Wieder und wieder taucht sie die Hand in den Schnee um das Wunder neu zu erleben. Und irgendwann bemerkt sie, dass es winzig kleine Sternchen sind, die da verschwinden und nur einen Tropfen übrig lassen. Sternchen, die sicher vom Himmel heruntergefallen sind in der Nacht und die die Zauberfee jetzt wieder einsammeln muss, um sie zurück zu bringen. Schließlich müssen sie ja wieder leuchten in der Nacht. Wie sollen sonst alle Kinder schlafen können, stimmt’s?
Zufrieden mit ihrer Erkenntnis richtet sie sich wieder auf. Ihre Blicke gehen in alle Richtungen. Aber die Zauberfee entdeckt sie nicht. Na ja, die wird sich sicher am Tag ganz doll verstecken, oder?
„ Anna!“ hört sie ihre Mutter rufen. Aufgeregt läuft sie ihr entgegen, um ihr von ihrem Erlebnis zu berichten.

Fiona im Switch    oder „Die Sache mit dem Vogel“            ( 21.2.13)  erlebt

Ganz plötzlich unterbricht Fiona ihren Balanceakt auf der Bordsteinkante, steht still, legt ihren Kopf schief, schließt die Augen und lauscht.
Was sie da hört ist kein Piepen, kein Tschilpen, kein Gesang. Sie hört ein ungewöhnliches Trällern, dreizeilig, in einem klaren, dunklen Ton.
„Hup! Hup!“
„Blödmann!“ denkt Fiona, als sie erschrocken dem vorbei rauschenden Auto nachsieht.
Aber sicherheitshalber stellt sie sich nun mitten auf den Gehweg. Will nicht noch einmal gestört werden.
Wieder schließt sie die Augen, um das Trällern orten zu können. Sie glaubt, Ungeduld heraus zu hören, und längere Pausen zum Kraft schöpfen, denen dann noch kräftigere Töne folgen.
Sie öffnet die Augen. Hat den Ort ausgemacht und entdeckt schnell den trällernden Gesellen auf einem Obstbaum. Vor einem Nistkasten hüpft der Vogel in seinen Gesangspausen aufgeregt von Ast zu Ast, bleibt aber stets im gleichen Abstand zum Kasten.
Fiona strahlt, als sie versteht, dass der kleine Kerl voll Inbrunst eine Dame herbeiträllert, die mit seiner Nestwahl einverstanden ist.
Fiona betrachtet den Vogel genauer.
Schillerndes, grünes Gefieder bedeckt den dicken, kugelrunden Bauch.
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Der Dickbauch stößt mich an die rechte Körperseite und schiebt mich an die Bustür. Ich kann mich gerade noch daran festhalten, um nicht zu stürzen, wogegen der Dickbauch schnell im Businneren verschwindet. Nur kurz nehme ich wahr, dass dieser Bauch so überhaupt nicht grün schillert, und erst recht nicht zu einem Vögelchen passt.
Etwas verwirrt steige ich in den Bus, und wechsle so oft meinen Standort, bis meine Nase eine einigermaßen geruchsneutrale Stelle ausgemacht hat. Wie erlöst lehne ich mich an die Ziehharmonikawand. Nach kurzer Zeit langweile ich mich und sehe mich um. Direkt links neben mir sitzt Mister „Verschluck deine eigene Stirnfalte nicht.“. Ein dunkelhaariger Mitte Dreißiger, eingehüllt in einen grauen Wollmantel, aus dem ein exakt gebügelter weißer Hemdkragen hervorblitzt, kaut mit aufgeplusterten Backen, dem Geruch nach, an einem Salamibrot. Die Mundwinkel triefen vor Fett, seine Augen – zusammengezogen – starren auf die noch halb gefaltete Tageszeitung in seiner rechten Hand. Mit den Fingern der linken Hand versucht er, nicht nur das Brot zu halten, sondern gleichzeitig die Aluminiumfolie herunter zu ziehen.
Aber? Zu spät! Der nächste Biss ins Brot trifft ins Schwarze. Oh, aha. Er verzieht das Gesicht, so dass die Stirnfalte nun exakt dem Grand Canon zu gleichen scheint, nur dass dieser nicht von Wildwuchs befallen ist.
Genervt klatscht er das Brot auf die Zeitung und beginnt mit den Fingern im Mund die Expedition „Foliensuche“.
Ich kann nicht mehr hinsehen, stiere auf die graue Wand vor mir und frage mich, was den Mann wohl veranlasst, im Bus sein Frühstück zu verspeisen und eine Landkarte des Grand Canon vor sich her zu tragen.
Hat er verschlafen und holt das liebevoll von seiner Frau gemachte Frühstück nach? Nun, eine Liebste muss er haben, denn der pikobello Hemdkragen verrät es.
Nein! Kann nicht sein. Dazu passt die Stirnfalte nicht. Denn bei so viel Liebe zwischen den Brotscheiben müsste seine Stirn eine Glätte aufweisen, bei der, üblicher Weise, die Schulen ein „Eisfrei“ ausrufen.
Hm, es rattert in meinem Gehirn: Eine Frau hat er, ein geschmiertes Brot. Warum dann so ein unzufriedenes Gesicht? Hm. Dann gab es wohl gestern Krach. Vielleicht ist dabei die Wanduhr in den Suppentopf gefallen, so dass sich große Suppenflatschen auf dem daneben liegenden Toastbrot breit gemacht haben. Nein! Dann hätte er sicherlich genüsslich das Schwarzbrot zum Frühstückskaffee gegessen, und nicht gestresst im Bus erst. Hm.
Es rattert weiter: Na ja, könnte ja sein, dass das Liebchen immer fürs Wecken zuständig war, aber nach dem abendlichen Streit ihren dicken Schmollmund über den Wecker gestülpt hat aus Rache. Nein, geht auch nicht. Denn welcher Kerl würde nach dem Verschlafen schnell noch selbst ein Brot schmieren? Hallo? Dann lieber ab zur nächsten „Salat auf Putenbrust auf Baguette“ Theke, und schnell mal einen mega überdimensionalen, gesundmachenden Vitamin-, und Mineraliencocktail auf Sesam- Bio-Getreide zwischen die Zähne geschoben, üblicherweise im konditionsverbessernden, muskelstraffenden Körperpeeling, auch Laufschritt genannt.
Das wäre die moderne Art, einen weiteren Explosionsherd im Familienzwist zu umgehen.
Ich sehe wieder zu ihm hin. Nein, dieser Mann im Wollmantel hält ein mittellautes Zwiegespräch mit einem schnöden haushaltsüblichen Salamibrot.
Jetzt bin ich diejenige, die vor lauter Gehirnaktivität nicht nur Stirnfalten faltet, sondern sich auch noch Schlitzaugen zulegt.
Das Rätsel muss doch zu knacken sein!
„Knack, Knack“ macht es im Buslautsprecher: „Endstation. Bitte alles aussteigen!“
Beim Verlassen des Busses blitzt die Erleuchtung sehr kurz auf, bevor sie vom Aufmerksamkeitssyndrom „Umwelterfassung“ verschluckt wird.
Wäscheservice! Reinigungen haben Wäscheservice!

Mann mit Hund (2012)

Eisiger Wind weht um ihre Nase, die Augen tränen der Kälte trotzend, sie zieht die Mütze tiefer in die Stirn, die zu erfrieren droht. Marie ist auf dem Weg, der bei Tageslicht dicht bevölkert ist von Joggern, Spaziergängern und Hundeführern. Jetzt ist alles in Dunkel getaucht, der gefrorene See linker Hand glänzt im Mondlicht, das einzige Licht, das den Weg erhellt. Hier gibt es keine Laterne, die bei Nacht den Weg sichtbar macht, die angstlösend wirkt, wenn sich einem  die totale Dunkelheit entgegenstellt. Marie meidet sonst diese Wegstecke, nimmt lieber den Umweg über die Börner Gasse in Kauf, wenn Straßen und Wege menschenleer gefegt sind und die Nacht alles einhüllt. Heute ist es ihr egal. Sie will auf dem kürzesten Weg nach Hause, läuft regelrecht weg vom gerade Erlebten. Sie ist sich absolut sicher, dass die Dunkelheit nicht mit Grauenhafterem aufwarten kann, als dem, was sie eben  hinter sich lässt. Und selbst wenn, es wäre ihr völlig egal, denn sie glaubt nichts mehr fühlen zu können, sie ist wie abgestorben, innerlich hohl und alles, was ihr jetzt begegnen oder geschehen würde, stürze in ihre unendlichen Tiefen hinab, die sich in ihr aufgetan haben. Ihre Beine bewegen sich in einem monotonen Rhythmus, wie von selbst finden sie den Weg nach Hause. Ihre Augen, weit aufgerissen, nehmen die Umgebung nicht wahr. Was sich an Nacht in ihnen nur spiegeln sollte, blickt  direkt aus ihnen heraus, tiefschwarz, leblos. Weiter und weiter bewegen sich ihre Beine, die nackt sind, keine Schuhe mehr tragen und von der Kälte unbetroffen scheinen.  An ihren Innenseiten teilen sich blaue Flecken den Platz mit geronnenem Blut und aufgerissener Haut. Marie nimmt auch ihre Beine nicht wahr, halsabwärts scheint sie taub zu sein. Das einzig Lebendige an ihr ist der stoßweise Atem, der in Wolken ihren Mund verlässt mit irrealen kehligen Lauten, rasselnd und gepresst.
In dieser Nacht finden sich im Albertpark nur zwei Gedanken. In Maries Kopf schreit es: „Nach Hause, nach Hause.“  Und der Gedanke von Gernot, der 50 Meter entfernt seinen Hund pinkeln lässt:  „Oh Mann, schon wieder so ein  Junkie, das einzige am Leib `ne Mütze und `nen Kleid. Was ist nur aus unserer Welt geworden?“

Weihnachtsvorfreude      Gestriges Cafegespräch     (21.Dez.2011)
 
Er: Lächle mal!
Ich: Wieso?
Er: Na jetzt ist Weihnachten. Da freut man sich doch!
Ich: So, tut man das? Ich nicht.
Er: Du spinnst ja. Jeder freut sich.
Ich: Wüsste nicht warum. Ob Weihnachten oder nicht, jeder Tag ist gleich.
Er: Aber zum Fest freust du dich doch, oder?
Ich (genervt): Warum gerade jetzt? Hab mich noch nie gefreut. Was soll das sein: Auf etwas freuen?
Er: Du lügst. Jeder hatte in seinem Leben Monate oder Wochen, an denen er sich freute.
Ich: Ich nicht!
 
Er winkt ab, ablehnend.
Ich werde sauer. Schweigen.
 
Ich: Kannst du lesen?
Er: Na logisch.
Ich: So? Warum kannst du lesen?
 
Er guckt blöd.
 
Ich: Na, warum?
Er: Ich habs gelernt.
Ich: Wieso?
 
Er guckt noch blöder, wird ungeduldig.
 
Er: Man hats mir beigebracht.
Ich: SIEHSTE!!!!!!
 
Endlich schweigt er.
 
 

Das Hausaufgabenheft    (6 Jahre alt)          (2oo3)            -erlebt

Mein Atem geht laut. An meinem Körper klebt der Schweiß. Oh, wie sehr drückt mein Schulranzen auf den Schultern. Im Takt wippt er auf und ab, meine Füße geben ihn vor. Die Angst treibt mich zu diesem Wahnsinnstempo. Bloß viel eher da sein als die blöde Zicke Anke. Schnell nach Hause. Dort wartet Mutti im Bett mit ihrem gebrochenem Steiß. Ach Mutti, ich will gar nicht nach Hause!! Habe Angst vor deinem Blick, so vorwurfsvoll. Warum siehst du mich nie liebevoll an?  10 Minuten später stottere ich Erklärungsversuche. Wieder einmal schenkst du mir keinen Glauben. Wie auch? Schuld bin ja doch immer ich. Und dann sehe ich sie, die blöde Kuh. Stelzt genüsslich über unseren Hof und schwenkt mein Hausaufgabenheft. Warum kann nicht jetzt, in diesem Moment dieser Riesenköter von nebenan um die Ecke kommen? Schnapp sie dir!
Meine Mutti empfängt Anke auch an ihrem Bett, peinlich, peinlich! Mit einem fetten Grinsen im Gesicht und hochmütigen Augen überreicht Anke das Heft mit dem Lehrereintrag. Ach Mutti, warum nimmst du mich nicht in Schutz? Glaubst wohl dieser doofen Zicke?
Mir wird schlecht bei den Gedanken an die heutige Deutschstunde. Frau Pohlmann, du hast mich heute im Stich gelassen. Du bist Schuld, dass ich nicht mehr weiß, wozu ich überhaupt noch die Wahrheit sagen muss. Dabei hab ich dich so geliebt. Kaum hat es zur Stunde geklingelt und „Guten Morgen Kinder“, rief sie mich nach vorn. Nichts ahnend und freudig erregt, wollte ich an der Tafel mein Können beweisen. Pustekuchen. Sehr ernst sagte sie zur Klasse: „Kathrin ist eine Diebin. Gestern stahl sie beim Spielen in Ankes Kinderzimmer ein kleines magnetisches Hundepärchen.“ Verschluckt habe ich wohl vor Schreck einen ganzen Elefanten. Die Klasse starrte mich an. Versinken im Boden war unmöglich, der Mistkerl ging nicht auf.  Ich wollte schreien, aber nur ein klägliches Winseln kam heraus: “ Das stimmt nicht. “ Da stand ich nun vorn, alle Blicke auf mir, selbst meine Freundinnen sahen vorwurfsvoll aus. Wie hasste ich alle in diesem Moment. Ich allein kannte die Wahrheit: Gestohlen hatte ich noch nie etwas.
Nun steht die doofe Lügnerin Anke im Schlafzimmer meiner Eltern und berichtet von dem Vorfall. Von hinten durchbohre ich sie mit meinen Augen. Sollen ihre Zöpfe abfallen; der Rock fleckig sein. Nein, ein dicker fetter Popel soll auf ihrer Nase kleben. Das ist gut. Doof, nichts dergleichen passiert. Sie verabschiedet sich mit einem Knicks (igitt), reißt ihren Kopf herum, dass mich ihr Zopf streicht und watschelt aus dem Zimmer. Warum hab ich gestern bloß die Spielsachen von meinem Bruder aufgeräumt? Sie könnte soooo gut darüber fallen. Die Tür fällt irgendwann ins Schloss und ich weiß, dass meine Puppe herhalten muss. Sie glaubt mir immer alles und wird mich trösten. Sie hat mich lieb.
Und die zwei Stunden bis Vaters Ankunft – o je – ! Angst!! Was wird Vater tun?? Ich nehme meine Angst und rede mit meiner Puppe. Es ist nicht nur die Frage, warum die Großen uns Kleinen nie glauben! Ich begreife nicht, dass Mutti nicht sieht, wie ehrlich ich war. Ich flüstere meiner Puppe zu: “Du weißt wie ich bin. Du hast mich lieb.” Was an dem Abend noch geschah, weiß ich nicht mehr. Dass aber zwei Wochen später Ankes Mutter beim Staubsaugen die zwei Hündchen fand, sagte meine Klassenlehrerin nicht vor der ganzen Klasse.
Und ich sagte es nie meiner Mutter. Wozu? Und ob Wahrheit oder Lüge, das wurde auch egal.

Marienkäferchen Suza (in Erinnerung an ein Kinderbuch)        (2008)

Ihr erster Ausflug

Sehr aufgeregt versucht Suza heute ihr Frühstück schneller als sonst herunter zu schlingen. Heute darf sie das erste Mal raus auf die Wiese. Bisher war sie zu klein dafür und durfte immer nur auf dem Marienkäferspielplatz im Baumhaus spielen. Und stets waren entweder die Mutti oder ihre Tanten dabei, die ihr immer irgendetwas vorschreiben wollten. Das war nervig. Nein, heute ist der ganz große Tag – heute darf sie allein zum Spielen in die ihr fremde Welt hinaus. Eine Welt, von der die Erwachsenen immer sagen, sie sei sehr gefährlich. Puh, gefährlich. Was ist das schon, wenn doch spannende Abenteuer auf sie warten. Und dann ist es endlich soweit. Tante Lea holt sie vom Frühstückstisch und bringt sie bis zur Pforte, drückt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt: “Suza, denk an alles, was wir dir beigebracht haben. Und sei am Abend zurück!“    Die letzten Worte hört Suza kaum noch, sie stolpert durch die Pforte, breitet ihre Flügel aus und fliegt los! Was für ein tolles Gefühl in ihrem Bauch – endlich groß sein – endlich frei sein!
Uj, was blendet da so in ihren Augen? Ein Glitzern kommt von unten hoch, Suza kneift erschrocken ihre Augen zu. Und was zwickt da so auf der Haut und fühlt sich aber wollig warm an? Mutig macht Suza ihre Augen auf, nur einen Schlitz breit – na ja, Vorsicht war geboten in der fremden Welt. Dann erkennt sie das Ding am Himmel, was ihr die Mama als Sonne beschrieben hatte. Und unter ihr spiegelt sich die Sonne tausendfach in den Wellen des Teiches. Aufgeregt und glücklich fliegt sie brummelnd wieder und wieder dicht über dem Wasser entlang und singt vor Freude. Großer Kreis, kleiner Kreis, fliegen, fliegen, was für eine tolle Sache. Plötzlich stoppt ihr Flug mit einer Wucht, die ihr fast die Sinne nimmt. Peng!  Suza hängt in dicken Seilen dicht über dem Uferrand.  Je mehr sie versucht frei zu kommen,  umso fester scheinen sich die Seile um sie zu schlingen. Nach langem Zappeln hängt sie kraftlos da und fängt an zu weinen.   „Hej, was jammerst du so?“ spricht eine tiefe Stimme hinter den Grashalmen.  Suza ruft: „Wo bist du? Wer bist du?“   Laut raschelt es, Halme biegen sich zur Seite und ein riesengroßer grüner Riese kommt näher. „Ich bin Fred, der Grashüpfer! Was machst du denn da oben?“ Suza wimmert: „Ich kann mich nicht losmachen. Hilfst du mir?“  Fred kratzt sich mit seinen Hinterbeinen am Kopf und kommt dann näher.
Plötzlich poltert es gewaltig. Mit lautem Surren stürzt ein schwarzer Klumpen von oben herab und macht vor Suza`s Gesicht halt. Riesige Augen glotzen sie an und eine kreischende Stimme schreit: „Ja, wen haben wir denn da? Mein Mittagessen.“ Suza zittert wie Espenlaub und kneift vor Angst die Augen zu. Mama hat ihr von dem fetten Wesen erzählt, vor dem sie sich in Acht nehmen soll – die Spinne.  Suza denkt: „Mein erster Tag und nun schon das Ende.“ Da hat sie aber die Rechnung ohne den Grashüpfer Fred gemacht. Entschlossen dreht der sich um, klemmt die Seile zwischen seine Hinterbeine und fängt kräftig an zu reiben.   Man hört, wie sein Zirpen vom Knacken der zerspringenden Seile unterbrochen wird. Immer wieder – knack, knack. Und dann?     Zuerst fällt die Spinne nach unten, landet im Teich und kann sich mit großer Mühe ans Ufer retten, wo sie schnellstens im Dickicht verschwindet. Dann purzelt Marienkäferchen Suza auf den Uferrand. Da liegt sie nun und traut sich noch immer nicht, die Augen zu öffnen.   Fred nähert sich und sagt: „Mädel, Mädel, du kannst ruhig wieder Luft holen. Die Spinne ist weg. Komm, steh auf. Ich will mit dir singen.“
Bis zum Abend hört man über dem Wasser ein Zirpen und ein Singen, lustiges Kreischen und Lachen.
Beim Einschlafen in ihrem Baumhausbettchen denkt Suza an ihren neuen Freund Fred und freut sich auf ein Wiedersehen mit ihm. Selig und erschöpft schläft sie ein.

Der Tautropfen (2008)                   – erlebt

In der kalten Novemberluft stand ich und konnte meinen Blick nicht abwenden von dem klaren, perfekt kreisrunden Tropfen auf dem Schnittlauchhalm in meinem Balkonkasten. Der erste Moment machte aus diesem Tropfen eine Glaskugel, in der sich zwar alle Welt spiegelt, aber nichts, überhaupt nichts aus ihr in den festen Glaskern eindringen kann.  Lange betrachtete ich diese Perle aus reinem Glas. Und je länger ich so verweilte, umso enger schnürte mich diese Undurchdringlichkeit ein. Erst als ich einen Schmerz in meiner Brust spürte, wurde mir bewusst, dass nicht ICH eine Glaskugel ansehe,  sondern ein gläserner, undurchdringbar fester Panzer meines Bewusstseins einen Tautropfen beobachtete. Ich sah nicht,  sondern mein Fühlen formte die Außenwelt nach seinem Gutdünken. Und mit Entsetzen wurde mir klar, dass ich wieder und wieder durch das Leben laufe und nicht wahrnehme, was wirklich da ist.  Nein. Ich sehe, was mir mein Unterbewusstsein sagen will.  Ich sehe die Dinge so, als würde ich in einen Spiegel schauen. Und logischerweise kam die Frage auf,  in wie vielen Momenten meines bisherigen Lebens ich mit diesem umgekehrten Blick an den Wahrheiten vorbei gelaufen bin, sie nicht greifen konnte, sie nicht fühlen konnte. Stimmt also der Satz: „Man sieht nur, was man sehen will.“? Sehe ich nur das, was mein Inneres wiederspiegelt? Sehe ich nur die Erfahrungen meines Lebens? Sehe ich nur, was ich fühle? Lange haben mich diese Gedanken beschäftigt. Und am Ende kann ich sagen: Gut so! Denn ich habe beschlossen, meinen Blicken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nur so kann ich herausfinden, was ich wirklich fühle. Und nur so kann ich ausgetretene Pfade verlassen und mich auf die Suche machen nach neuen Wegen.

Den Tag atmen (2003)                          – erlebt

In voller Entspannung lande ich auf einer Wolke,  sehe nach unten, zeig aller Welt den dicken Daumen. Und wenn ich dann kein Gramm mehr spüre, sehe ich die bunte Wiese – du läufst da durch und ich freu mich über dein Lachen. Und wird es zuhause zu viel, dann leg ich eine deiner CDs rein und alles wird gut. Danke dir dafür.  Musik ist überhaupt das Schönste auf dieser Welt. Sie trägt einen so weit weg, unerreichbar für alle. Es zählt nur noch das wirklich Wichtige: der rote Sonnenaufgang, die Nebelschwaden über dem Fluss, das Flüstern der Blätter, der Tau im Gras, die klare Luft, die Unterhaltung der Vögel. Es scheint, als ob in solchen bewussten Momenten mein Leben ganz klein und unwichtig wird; Probleme nur erfundene sind.  Der Brustkorb weitet sich, nimmt die Umgebung ganz tief in sich auf und plötzlich scheine ich mich aufzulösen, verschwimme im Detail,  gehöre dazu und fühle mich nicht mehr als eigenständiger Körper. Ein tolles Gefühl, das ich am liebsten festhalten möchte. Viel zu selten die kostbaren Momente. Viel zu viel versunken in der eigenen schmerzvollen Welt, viel zu wichtig die unwichtigen eigenen Probleme im Großraum der Nebelschwaden- die weich und gefühlvoll sanft den Boden streichen. Ich bemerke an mir den Genuss der täglichen Autofahrt mit Musik. Ich sitze an den Wochenenden auf einer Schulhofbank und genieße jedes Blatt am Boden, die kahlen Bäume, die unsagbare tiefe Stille des Schulhofes – meine Heimat! Und dann merke ich plötzlich, dass ich schnüffelnd durch das Schulhaus gehe; tief einatmend sauge ich den Duft des Hauses ein. Ich erkenne ihn wieder, er ist da und er fehlt mir. Schon merkwürdig, dass mir selbst der Schulhausgeruch fehlt. Ja, es wird Zeit, dass ich nicht nur in mich hinein sehe, sondern alles um mich herum bewusst wahrnehme und diese Augenblicke genießen kann. Es ist so kostbar für mich. Möchte am liebsten ein Einweckglas nehmen und diese Dinge einfangen,  bei mir tragen; dass ich auch ja immer darauf zurückgreifen kann. Und es kommt langsam wieder der Gedanke auf, Fotos zu machen. Den Zauber festhalten, den Blick auf das Detail richten – einfacher gesagt: Den Tag wieder als Tag wahrnehmen.

Sommer 1978

1

Der Sommer war endlich angekommen mit seinen satten Düften, den lauen Nächten und dem Flirren in der Luft, das Klara tief in sich aufsog, während sie über die Wiese lief. Mit kleinen Fähnchen bewaffnet hatte sie nicht den Sinn danach, ihre Aufgabe zu erfüllen, Kaninchen,- und Mäuselöcher zu markieren. Sie drehte sich im Kreis, schwang ihre Arme in die Luft, reckte den Kopf in den Himmel und genoss das tiefe Glück, das sie spürte.
Er hatte sie gestern Nacht geküsst, endlich, nach so vielen Wochen des Hoffens. Klara war das erste Mal in ihrem Leben verliebt und konnte gar nicht fassen, was sich da an Gefühlen in ihrem Inneren breit machten. Sicher hatte sie schon vorher Küsse kennengelernt. Die aber waren nur nass, unangenehm und sie konnte sich nicht erklären, was daran so toll sein sollte. Mit dem einen oder anderen Jungen aus ihrer Klasse hatte sie es versucht, dem Drängen nachgegeben, aber die Sache auch schnell wieder sein lassen.
Und nun? Im Moment hatte sie eine Ahnung vom Glück. Alles schien so perfekt. Seit letzten Freitag hatte sie den ersten Schulabschluss in der Tasche, sie würde nach den Ferien ihr Abitur in Schöneck machen und dann würde sie nichts mehr aufhalten, ihre Eltern und ihre Heimatstadt zu verlassen. Sie hatte jetzt zwei traumhafte Wochen Segelfluglager vor sich, an dem sie in jeder Stunde auf die Anwesenheit von Udo hoffte. Udo, der so zärtlich küsste, dass sie glaubte, einer Ohnmacht nahe zu kommen. Gestern Nacht hatte er sie auf den letzten Rundgang über das Flugplatzgelände mitgenommen. In der Flugzeughalle nahm er sie plötzlich in den Arm und küsste sie, einfach so. Wo Klara vorher immer glaubte, dass es kein größeres Glück auf Erden gibt, als in einem Segelflugzeug hoch oben in der Luft die Freiheit zu spüren, wurde sie nun eines besseren belehrt. Udo, ihr Udo hatte endlich kapiert, wie sehr sie sich nach ihm sehnte.
„Klara!“ Der Ruf holte sie auf die Wiese zurück. Hüpfend und mit den Armen wedelnd sah sie ihre Freundin am Hangar. Oh, es war wohl schon Zeit für das Mittagessen. Mit flinken Füßen rannte Klara von der Landewiese zum Flugplatz und freute sich darauf, Udo zu sehen.

2

„Du hast dich selbst übertroffen!“ quetscht Klara zwischen ihren kauenden Zähnen hervor und blinzelt ihre Schwester Jessi an. Das Fleisch schmeckt einfach köstlich, zumal beide Schwestern zum ersten Mal die Küche für sich allein hatten und sie die Zubereitung der Mahlzeit mit viel Sorgfalt und Liebe in stundenlanger Arbeit zelebriert haben. Die Eltern waren im Urlaub und so konnten sie ein Diner für Vier anrichten. Jessi, fast zwei Jahre älter, hatte die wundervolle Idee dazu, denn sie wollte endlich Klaras  erste Liebe kennen lernen, von der diese ihr schon seit Wochen in den Ohren lag.   „Das kann ich nur bestätigen, obwohl ich nicht weiß, wie du sonst kochst. Aber es schmeckt sehr gut!“ meint Udo und erhebt das Glas Wein: „Auf euch Mädels! Und danke für die Einladung!“. „Vielleicht sollte ich mir doch mal einen Herd anschaffen, Jessi. Dann kannst du öfter für mich kochen.“ sagt Harro und grinst Jessi frech an. „Na klar“ kontert Jessi, „einen Bügeltisch bräuchte ich aber auch noch. Und vergiss nicht die Schürze, die eine gute Frau im Haushalt braucht!“ Sie verdreht die Augen, schneidet eine Grimasse und knufft Harro kräftig in die Körperseite. Großes Gelächter folgt. Beim Dessert fragt Jessi: „Klara, du bist dir sicher, dass Omi dicht hält?“       Eine berechtigte Frage, denkt Klara und tausend Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Sie hat vor, ihre Eltern zu belügen und eine Woche bei ihrem leiblichen Vater zu verbringen. Sie möchte ihn und seine Familie in Bergen unbedingt richtig kennen lernen. Einmal ist sie ihm nur begegnet, und erst seit knapp einem Jahr weiß sie, dass der Mann, der sie nur schlägt, gar nicht ihr leiblicher Vater ist. Aufgrund eines rosa Einzahlungsbeleges der Post, der offen im Wohnungsflur herumlag, hatte Klara ihre Schwester so lange genervt, bis diese ihr die Wahrheit über den Absender sagte. Und die Wahrheit stellte ihr ganzes bisheriges Leben in Frage. Zum einem sollte ihr Peiniger Gott sei Dank nicht ihr Vater sein und zum anderen konnte sie sich nicht erklären, wie Schwester Jessi es ihr die ganzen Jahre verschweigen konnte. Im Frühling dann endlich hatten sie beide die Chance genutzt: Eine familiäre Jugendweihe in Bergen gab ihnen die Möglichkeit, beim Absender der Geldüberweisung zu klingeln. Nur eine Stunde dort  hatte gereicht, um sich beim leiblichen Vater, dessen Frau und ihrer Halbschwester willkommen zu fühlen. Ein bisher sehr unbekanntes Gefühl für Klara. Seitdem sind 4 Monate vergangen und das Geheimnis blieb bei den Schwestern. Nun aber hat Klara alle Vorkehrungen getroffen, um wieder heimlich beim Vater zu sein. Ihre Oma mit ins Boot zu holen war leicht. Klara würde offiziell 2 Wochen bei der Oma in Mecklenburg verbringen. Noch niemand in der Familie hatte Telefon, so würde es ein Leichtes sein, ihren wahren Aufenthaltsort zu verschleiern. „Ich denke schon.“ antwortet Klara „Sie mochte unseren Vater schon immer sehr. Deshalb wird sie uns beistehen!“ Udo sieht Klaras hoffnungsvolles Gesicht, rückt dicht an sie heran, nimmt sie in den Arm und flüstert: „Das klappt schon, mach dir keine Sorgen. Und wenn nicht, ich bin ja auch noch da!“  Klara lehnt ihren Kopf an die Schulter ihres 10 Jahre älteren Freundes und genießt das Gefühl der Geborgenheit. Dennoch bedeutet der Urlaub die Trennung von ihm. 14 Tage scheinen für sie eine Ewigkeit. Über 6 Monate war sie verliebt in ihn, erst seit 3 Wochen sind sie ein Paar, und nun wird sie fahren, allein. Aber sie will es. Zu viele Fragen rumoren in ihrem Kopf. Klara will endlich den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur kommen.

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Fortsetzung folgt

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