B : Gewalt an mir, dem Kind


Liebe Leser, bewusst werde ich auf dieser Seite nicht von erlebter sexueller Gewalt  berichten. Denn schon allein das Fühlen der Kleinen, die in folgenden Erlebnissen stecken,…..dieses Fühlen macht meinen chronischen Todeswunsch verständlich.

Dies sind keine normalen „Berichte“, sondern Versuche, meine Erlebnisse in Prosa-Form zu verpacken. Oft wirken die Aussagen also so, als würde ICH der Beobachter sein. Und es sind auch nur sehr wenige Ausschnitte der erlebten Dinge.

Das „Kramzimmer

mein Albtraum                   

nach einem  Flashback notiert

Wenn man unsere Wohnungstür öffnet, ist rechts die Badtür. Zwei Schritte nach der Eingangstür hing ein roter Vorhang, hübsch zur Seite genommen. Nach ihm war der Wohnungsflur noch immer 7 Meter lang. Geradezu unser Kinderzimmer, rechts Küche und Kramzimmer, links Max Zimmer und hinten das Wohnzimmer. Zum Schlafzimmer kam man nur durch Max Zimmer. Der Flur hatte einen roten Teppich, auf dem man den kleinsten Krümel sah. Links, noch vor dem Wohnzimmer, stand eine kleine Garderobe. Der Flur hatte etwas Unheimliches. Kein Lichtstrahl kam herein, er war so lang, dass ich oft glaubte, von ihm aufgesaugt zu werden. Im Kramzimmer standen links unsere zwei Kleiderschränke, rechts am Fenster unsere Schuhe. Und dann war da noch ein Nähtischchen, vollgepackt mit Näh-, und Bügelsachen. Hier wurde gebügelt, putzten wir unsere Schuhe und hier hing an allen Wänden meine Einsamkeit.
War ich mal etwas zu spät ( ich hatte als Kind keine eigene Uhr), oder fand mein Stiefvater im Extra dazu ausgekippten Schulranzen ein gebrauchtes Taschentuch oder die Frühstücksstulle, oder gab es einen anderen Grund (den gab es immer), dann wurde dieses Kramzimmer zum Mittelpunkt meines Lebens. Wieder und wieder in diesem Zimmer.  Ein Ritual, das mir Angst machte, das mich innerlich sterben ließ, das mich total veränderte.
Lebte Jahre nur in Angst, irgendetwas falsch zu machen, ein Glas umzustoßen, ein falsches Wort zu sagen, nicht gerade zu sitzen, eine Aufgabe zu vergessen. Ich fing irgendwann an zu funktionieren, innen tot.  Meine Welt war da draußen.  Jede Minute nicht zu Haus war ein Aufatmen für mich.
Dieses Kramzimmer war mein Albtraum.
Zuerst war da der Befehl: ”Hol einen Bügel!”, oder: “Hol den Ausklopfer!”, oder: “Hol den Gürtel!”.
Ich musste den Flur entlang gehen, er wurde immer länger. Er war meine Falle, er war dunkel, er fraß mich auf.
Ich öffnete die Tür zu Max Kinderzimmer, ging hinein. Wie in Trance durchquerte ich es und betrat das Schlafzimmer meiner Eltern. Dort suchte ich den verlangten Gegenstand. Mit ihm zurück nahm der Weg kein Ende.
Ich zitterte am ganzen Körper, wollte mich wegzaubern, aber meine Füße trugen mich weiter.
Im Kramzimmer wartete mein Stiefvater. Bevor ich ihm den Bügel gab, bettelte ich wieder und wieder: ”Bitte nicht!”.
Es gab keinen Dialog. Er schlug auf mich ein. So oft ich meine Stellung auch veränderte, so oft und so laut ich schrie, er reagierte darauf nicht. Die Schläge kamen überall hin, auf Arme, auf Rücken, ins Gesicht, auf den Kopf, einfach überall.
Erst schrie ich nach meiner Mutter, wieder und wieder. Dann plötzlich wurde ich stumm, nur noch ein Wimmern, leise, fast unhörbar. Das machte ihn noch wütender. Er schlug meist so lange, bis das “Schlaginstrument” zerbrach.
Dann erst ließ er von mir ab und verließ das Zimmer.
Ich kauerte am alten Ofen unendlich lang, ich heulte, es schrie in mir nach einer Mutter.
Ich war allein auf der Welt. Meine Geschwister ließ man nicht zu mir. Diese Ecke am Ofen war das einzige Greifbare. Ich starb wieder einmal, wie so oft. So leer alles. Wozu leben, wenn mich keiner lieb hat?
Dieses Zimmer soll verflucht sein. Meine Mutter soll verflucht sein. Wie kann ich als Mutter die Schreie hören und nichts dagegen tun ? Als wir älter waren, ging irgendwann meine Schwester dazwischen und wollte mich beschützen.  An dem Tag änderte sich alles. Für mich wurde es schlimmer.  Jetzt wagte unser Stiefvater es nicht mehr, uns anzufassen. Jetzt übernahm unsere Mutter diese Rolle. Ich fühle noch jeden Schlag und besonders zerreißt mich heute mein eigener Schrei: “Mutti!” .   Mit jedem Schlag der mich traf, rief ich nach meiner Mutter. Wo war sie wirklich? Diese Momente zeigten mir so unendlich schwarze Tiefen, wollte hinein.  Aber ich blieb, musste den Schmerz ertragen. Nicht den der Schläge meiner Mutter, sondern den, der mein Herz zerriss.
Ich war da in einer Familie und wusste nicht warum. Wem sollte ich mein Herz ausschütten, bei wem mich anlehnen? Und je mehr ich mich in mir verkroch, umso wütender machte dies meine Mutter. Jeden Blick von mir, jedes Wort fasste sie als Kränkung auf und zeigte mir ihre Abscheu. Dabei schien ich zu platzten vor lauter Sehnsucht nach ihrer Liebe. Ich brauchte sie genauso wie meine Geschwister, aber ich bekam nur Kälte. Irgendwann fühlte ich mich für alles schuldig. Irgendwann glaubte ich, es muss alles so sein. Und trotzdem war da in mir dieser Funke. Ich wollte doch leben ! Nur wie?

Heute ist das Fenster des Kramzimmers zugewuchert. (Oben ganz rechts) Ein Symbol??

image

Das Dreirad 

(7 Jahre)

Mein kleiner dicker Max! Endlich habe ich etwas zum lieb haben, nur für mich. Du legst deine Arme um meinen Hals und pustest mich an. Mein Brüderchen Max schaut immer mit so großen, braunen Kulleraugen auf mich. Wenn er lacht, dann wird sein Gesicht noch breiter. Meist stehen seine blonden Haare in alle Richtungen. Meine Puppe kämme ich nur noch selten, jetzt muss mein Brüderchen herhalten.
Heute sind wir wieder zusammen auf dem Hof. Bei so vielen Kindern, die hier wohnen, pass ich gern auf dich auf. Ganz verschwitzt sind wir schon vom Fangespiel. Du rennst zwischen uns umher mit deinen zwei Jahren und quietschst vor Vergnügen. Dein Dreirad, achtlos am Rand stehend, kommt mir jetzt gerade recht. Erschöpft setze ich mich drauf und beobachte das Treiben.  Aber lange kann ich nicht stillsitzen.  Mit Riesenschwüngen schupse ich mich ab und bringe das Dreirad zum Rollen. Mensch, hab ich schon lange Beine. Muss zusehen, dass ich mir nicht die Knie aufschürfe. Ja, ich bin jetzt schon groß, denn Max ist ja ganz klein.  Jammernd und besitzergreifend läuft mein Bruder hinter mir her.  Ich rufe: “Fang mich doch!”
Plötzlich geht ein Ruck durch mein Körper, wird mir der Kopf abgerissen? Laut schreie ich auf und sehe dann meinen Vater. Er hat mich an den Haaren gepackt, lässt nicht los, zieht und zieht. Vor Schmerz lasse ich den Lenker los, stolpere meinem Vater hinterher. Ich sehe mein Brüderchen stehen, mit weit aufgerissenen Augen, nichts verstehend. Ich heule, aber Vater zieht mich weiter an den Haaren über den ganzen Hof, ins Haus, bis in den zweiten Stock, bis in die Wohnung.
Ich hasse ihn. Er blamiert mich vor meinen ganzen Freunden.
Das Dreirad habe ich nie wieder angefasst.

 

Angst

(8-12 Jahre alt)        -schon öffentlich gelesen!

Sie sitzt auf der Raseneinfassung ihres Wohnblocks und beobachtet das Treiben auf der Straße.  Alle 6 Minuten hält vor ihr die Straßenbahn. Die Menschen kommen von der Arbeit, tragen verschiedene Gesichter und Einkaufsbeutel mit sich herum. Mari konzentriert sich auf die Menschen, die auf die Bahn warten, um von hier weg zu fahren. Sie taxiert die Gesichter und malt sich in Gedanken deren Familienleben aus. Etwas in ihr sucht den Moment, irgendeine fremde Hand zu fassen und wortlos mit einzusteigen.
So sitzt Mari mindestens eine Stunde, sechs Eingänge von ihrer Haustür entfernt. Und sie begreift nicht, dass niemand sie beachtet, dass niemand von ihrer Angst weiß, nach Hause zu gehen und die Wohnung zu betreten. Sie ist in ihrer Starre so gelähmt, dass sie keinen Entschluss fassen kann. Wenn sie ihren Blick nach links wendet und in der Ferne ihre Haustür sieht, steigen Übelkeit und Zittern auf. So vergehen weitere Minuten, für sie kostbare Zeit in äußerer Freiheit.

Sie hat die Wahl. Sie kann jetzt aufstehen und pünktlich nach Hause kommen. Sie würde die Wohnung betreten mit würgender Angst in der Kehle, dem hasserfüllten Blick ihrer Mutter begegnen und die nächsten Stunden versuchen, sich unsichtbar zu machen, um einem Wutanfall des Vaters und dessen Schlägen zu entkommen. Doch sie konnte sich nicht sicher sein.
Die andere Möglichkeit für sie ist, einfach noch sitzen zu bleiben und jede Minute außerhalb der Wohnung, in der Nähe fremder Menschen, eine gewisse Art von Freiheit zu empfinden.

Eine Freiheit, die für Mari einzig und allein darin besteht, sich als selbständiges Wesen zu begreifen, indem sie allein die Entscheidung trifft, wann sie die Schläge des Vaters bekommt. Vorbereitet zu sein auf das, was auf sie zukommt, kann sie besser ertragen als die ständige Angst, die ihr in allen Winkeln des Körpers sitzt….wieder und wieder….minutenlang, tagelang, jahrelang. Die Angst wird bleiben, wenn sie zu spät nach Hause kommt.

Aber Mari wird dem Vater in das Gesicht sehen, wenn er sie an der Tür an den Haaren packt, durch den 7 Meter langen Flur schleift und im Kramzimmer so lange auf sie einschlägt, bis seine Kräfte verbraucht sind. Sie wird nicht vor Schmerzen schreien, nicht sinnlos nach ihrer Mutter rufen, und sie wird keine Schmerzen wahrnehmen.
Es gibt Tage, da will Mari den Eltern gefallen. Sie sucht sich Hausarbeiten, um die Eltern zu überraschen mit ihrem Fleiß und sie verhält sich wie ein nicht existierender Luftzug. Wenn sie nicht existiert in der Familie, keinen Mucks von sich gibt, sich nicht durch die Räume bewegt, keinerlei Gefühle zeigt, dann nur werden die hasserfüllten Blicke der Eltern für eine Zeit lang verschwinden. Denn Mari wird übersehen und sie kann hoffen, an diesem Tag nicht verprügelt zu werden. Kommen dann aber trotzdem die Schläge wie aus dem Nichts, erträgt sie die Schmerzen kaum, die in den Knochen und die in der vergeblichen Sehnsucht nach der Hilfe ihrer Mutter.
Wieder rattert eine Straßenbahn heran.

Mari hat längst die Wahl getroffen. Ihre Augen gehen ins Leere, jeder Muskel ihres Körpers spannt sich an bis zur Starre. Und dann kommt endlich das Gefühl des Nichts. Sie wird noch bleiben in dieser Freiheit.
Eine Freiheit ohne Fühlen, aber eine Freiheit im ICH.

Der Hocker      

Die Musik spielt im Hintergrund und lässt meine Beine zappeln. Oh wie ich doch Musik mag. Man kann in ihr verschwinden und sich jeden Takt mit den Tänzern teilen. Und die bewegen sich, als hätten sie Flügel. WATSCH…ein Schmerz und dann brennt meine Wange.   Mein Stiefvater hat mit dem rechten Arm ausgeholt und seinen Handrücken in mein Gesicht geschleudert. „Sitz still!“ sind seine Worte. Meine Schultern gehen nach vorn und ich senke meinen Kopf tief in Richtung Teller. Der Hunger ist mir jetzt vergangen, ich kann nur noch rumstochern auf meinem Teller. Tränen kullern heimlich auf die Kartoffeln.   Plötzlich brüllt meine Mutter von der anderen Tischseite: „Sitz gerade und iss!“.  Ich brauch nicht hoch zu sehen, um ihren wütenden Blick zu sehen. Erkenne jeden ihrer Blicke anhand des Tonfalls ihrer Stimme. Und keiner davon war jemals liebevoll auf mich gerichtet.
Ich strecke meinen Rücken und sitze kerzengerade. Aber dann passiert, was immer passiert, wenn die Gabel einen viel zu langen Weg zu meinem Mund hat: Das halbe Essen fällt immer wieder auf den Teller zurück, ehe es zu meinem Mund schafft. Das ist der Moment, wo sich Angst in mir breit macht. Will nicht schon wieder tagelang mit einem langen Holzstab im Rücken auf diesem Hocker aushalten müssen, damit ich lerne, gerade zu sitzen. Kaum sind ein paar Erbsen auf den Teller zurück geplumpst, wirft meine Mutter ihre Gabel nach mir und ruft: “Iss anständig!“ Tränen steigen hoch und ich weiß wieder mal nicht, warum ich immer wieder alles falsch mache. Fange an zu zittern, möchte am liebsten weit weg sein. Hebe trotzdem ihre Gabel auf und gebe sie ihr zurück. Ihre Augen werden nun zu Schlitzen. Und ich? Ich gebe auf. Soll doch geschehen was geschehen soll. Ich habe ja doch nie Einfluss darauf. Bin eh nur lästig und gehöre hier nicht her.
Heute, 40 Jahre später weiß ich zwei Dinge dazu.

  1. Der Hocker war so hoch, dass ich die Beine gerade so unter den Tisch gequetscht bekam. Alle 4 anderen aus der Familie saßen auf Sofa und Sesseln und konnten bequem ihre Ellenbogen auf dem Tisch legen. Sie hatten für sich die ideale Esshöhe, wogegen ich zu hoch saß und somit entscheiden musste zwischen a. mit krummen Rücken etwas heil in den Mund bekommen oder b. mit durchgerecktem Rücken mit der Mahlzeit Fallobst zu spielen. Egal, was ich anstellte, es war falsch.
  2. Meine Mutter wurde immer dann wütend, wenn sie glaubte, ich hätte ihren Mann aufgeregt. Sie ergriff also stets Partei für ihn, um Wogen zu glätten. Nur weiß ich nicht welche Wogen, die auf sie oder die auf mich zukamen. Keine Ahnung. Der wichtigste Satz von ihr in meiner Kindheit war: „Bevor du meine Ehe kaputt machst, stecke ich dich ins Heim!“ Dieser Satz war vor lauter Wiederholungen eingebrannt.

Vielleicht aber wollte sie mit ihrer Parteinahme diesen Mann beschwichtigen, um einmal weniger Prügel an mir zu erleben. Nur…….ist das bei dem Kind nicht angekommen, denn es wurde durch dieses Einmischen mit den hasserfüllten Blicken immer wieder neu von der Mutter im Stich gelassen….verlassen….ausgeliefert. Jeden Tag, Jahr für Jahr. Es fühlte sich nicht zur Familie gehörig und absolut ungeliebt! Ist es da ein Wunder, dass ich in Erinnerung an sie, nur diesen hasserfüllten Blick vor mir sehe? Ein KIND (egal wie alt) denkt an die  MUTTER und bekommt ANGST ?

 

Leben ohne Vergangenheit?

16 Jahre lang habe ich mit meiner Schwester in einem Zimmer gelebt. 16 Jahre und ich habe nur 5 wirkliche Erinnerungen daran. Das ist schmerzlich und ich frage mich heute oft, ob das der Grund ist, dass wir beide einfach keinen Zugang zueinander finden.                 Aber ich kann mich  an Dinge in meiner Schule erinnern, die mir so richtig Spaß gemacht haben. Oft glaube ich heute, dass das Verlassen der Wohnung einen anderen Teil von Mari raus geholt hat, einen der leben und lachen wollte. Zwar stolpere ich auch hier immer wieder über große Erinnerungslücken, wenn meine Mitschüler  über mich Dinge erzählen, von denen ich nun gar nichts weiß, aber das kann ich hinnehmen.
Es ist nicht mit Worten zu sagen, wie das Gefühl ist, wenn man im Inneren keine bewusst gelebte Vergangenheit findet (außer die der Angst und Gewalt). Oft  fühle ich die Suche danach in mir, als fehlten mir Puzzleteile meiner eigenen Identität.
Keine Ahnung, ob irgend jemand da draußen diesen Gedanken versteht. Es ist, als wäre ich auf der Suche nach dem, was mir Boden unter die Füße bringen würde.
Seit nun mehr 50 Jahren ist da unter meinen Füßen nichts außer ein tiefes schwarzes Loch. Und komischer Weise macht mir dieses grausige Loch keine Angst mehr. Es ist zu meinem Verbündeten geworden. Ich könnte hinein, wann immer ich wollte.
Irgendwann in meinem Lebenslauf  ist aus der Todesangst ein Todeswunsch geworden. Seit Jahrzehnten will ich auf einer Wolke sitzen und mir die ganze Scheiße der Welt von oben ansehen und sagen: “Ihr könnt mich mal alle!”
Dies ist auch so eine Sache, die ich niemanden bisher erklären konnte, ohne dass derjenige gleich  ins “Ach,… oje,… bla, bla…” gefallen wäre. Warum wird nur bei todgeweihten Krebspatienten der Todeswunsch akzeptiert?
Warum? Warum wird man nicht mit dem akzeptiert, was einen ausmacht?
Warum haben seelische Schmerzen nicht die gleiche Akzeptanz wie körperliche Gebrechen?
Wer will sich ein Urteil anmaßen, was wirklich in einem passiert? So, dies war das eine.
Aber: Ich lebe, und zwar immer noch, aus irgendeinem Grund lebe ich noch. Klar?

.

5.10.1975

Meine Verfassung“       mit 13 Jahren

(1.Stunde Deutschunterricht, mit 13 Jahren geschrieben)

Eine Lawine kommt näher und näher
Ich klebe fest am Abschaum der Welt
der mich zweifeln lässt an der Richtung
die ich einschlagen soll

An zwei Seilen hänge ich
ohne Boden unter den Füßen
Nur ein Abgrund sperrt sein Maul nach mir auf
bereit, mich zu verschlingen
wenn ich falle
Will ich mich an einem Seil emporziehen
zerrt mich das andere wieder hinab
als schienen sie aufeinander eifersüchtig zu sein

Verzweifelt suche ich einen Ausweg
Schreie in die Welt
Steife Puppen gehen auf mich zu
schütteln die gesichtslosen Köpfe und gehen vorbei
Mein Innerstes wütet wie ein Vulkan
Ich bebe
Das Feuer und Getöse in meinem Hirn
lassen keine Gedanken zu

Ich versuche eiserne Tore vor mich zu schieben
um meine Seele zu retten
mein Innerstes nicht preiszugeben
an geistlose Hyänen
die sich voll fressen
ohne den Verstand zu gebrauchen

Ich sehe den gähnenden Abgrund
mich höllisch angrinsen
Als sehe er:
Ich finde keine Rettung
Ein letzter Schrei
reißt empor aus meinem Herzen
Verzweiflung…
Nichts…

Dunkel ist es, nur dunkel
Die grässlichsten Fratzen schweben
an mir vorbei
Mich stört es nicht
Ich falle
Schwebe durch die Dunkelheit
und weiß nicht wohin

“Pädagogisch” wertvolle Wortwahl

25. Mai 2013

Haue!

Jahrzehnte lang aus dem Gehirn verbannt, war das Wort heute plötzlich da.

Haue, von mir nachgeplappertes Vokabular in der Kleinkind-, und Vorschulzeit.

Kann ich nachvollziehen, dass man bei so einem kleinen Kind ein verniedlichendes Wort brauchte, eben Haue!                                       Und klein und niedlich war ich eben auch.

Das war ich:  Ich 2-3 Jahre alt

 

Kloppe,

das Wort benutzte ich im Grundschulalter.
Nicht, dass ich jemals irgendwem von der Kloppe zuhause erzählt hatte, nein. Das kam nicht vor. Es war aber zu dieser Zeit Kloppe.

Dresche!

Das Wort für die älteren Kinder wurde von der Geburtsfrau geprägt, benutzt, was auch immer.
Ja, es gab immer Dresche. Das klingt doch angepasst an reifere Kinder, oder?
Drückt doch was aus, was kräftiges, nich? Ja, und Dresche wurde auch gern von ihr angekündigt.
Nun, dann hieß es für mich warten, bis der Vater nach Hause kam und an mir seinen Job erledigte.
Ab dem 13. Lebensjahr fiel dieses Warten weg, da die Geburtsfrau nun die Tätigkeit ausübte, bis zu ihrer Erschöpfung drauf zu schlagen. Gleich, sofort, das Kramzimmerritual fiel weg. Es prasselte auf mich nieder, egal welchen Teil der Wohnung wir gerade beehrten.

Am unkalkulierbarsten waren die Schläge aus dem Handgelenk des Vaters. Halleluja! Was ich sagen will: Auch er schlug mich noch bis zu meinem Auszug, aber nur kurz, knapp, kräftig, zwei drei Mal. Die sogenannten Prügeleien waren nur noch Sache der Frau. (Noch heute, 35-40 Jahre später, bin ich am Zucken, wenn sich neben mir etwas ruckartig bewegt. Ich gehe in Deckung, nehme den Arm vors Gesicht. Noch heute!)
Das Wort Dresche schwebte stets als Drohung in den Äußerungen von den Eltern mit.

Ich muss hier mal lobend erwähnen, dass die Eltern sehr pädagogisch handelten: Für das passende Alter die passende Worte! Ist das nicht nett? Ich hatte kluge Eltern!

 

10 Antworten to “B : Gewalt an mir, dem Kind”

  1. monalisa50ff Says:

    Es tut mir Leid, für das Kind, das Du einst warst. liebe Grüße sendet Mona.

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  2. mary-anne gotthardt Says:

    wenn es nicht so traurig wäre, würde ich sagen „wunderschön geschrieben“ aber irgendwie kann ich das nicht…hätte ich damals gewusst, wie es ihnen geht, hätte ich sie nie mit meinen „harmlosen“ problemchen genervt!

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  3. mari Says:

    Liebe Mary, auch deine Dinge waren damals nicht harmlos. Was der Mensch in sich selbst empfindet, kann niemand wirklich beurteilen. Aber man muss das Fühlen des Anderen ernst nehmen, darf keine Vergleiche anstellen….denn jeder Mensch fühlt und wichtet anders.
    Sei ganz lieb gegrüßt von mir.
    Ich denke ab und an an dich, denke darüber nach, wie es dir wohl im Moment so geht. Hoffe, gut.

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  4. Natalie Says:

    Hallo,
    erstmal muss ich ihnen sagen ich bin überwältigt !
    Ich beschäftige mich momentan mit dem Thema weil ich gerne meine Facharbeit darüber schreiben möchte. Ich habe ein Buch gelesen und habe mich seit dem sehr interessiert Wie sowas passieren kann , welche gründe es also hat. Zu dem Punkt : erstaunlich was sie durchmachen mussten , einfach überwältigend.
    Zu dem habe ich auch eine Frage ob sie sich vielleicht mit mir in verbindung setzen würden, denn ich würde gerne, wenn ich die Facharbeit schreiben darf, von ihrer “ Geschichte“ berichten.
    Zudem noch Großen respekt an sie das sie alles veröffentlichen um auch mit anderen Teilen möchten, nicht jeder traut sich sowas.

    Liebe Grüße & ich hoffe ihnen geht es heute gut

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    • mari Says:

      Habe per Mail geantwortet! LG

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      • Ray Edzl Says:

        Hallo Mari ich habe leider keinen anderen Weg gefunden Dich zu kontaktieren. Ich würde Dich gerne Fragen ob Du auch für andere Websiten schreibst oder Du nur fuer deine Website schreibst? Lg

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      • Mari Says:

        Das wurde ich noch nie gefragt! So schrieb ich auch noch nie für irgendwelche andere Seiten. Auf Anfrage habe ich aber schon Teile meiner Seiten „kopieren“ lassen – rebloggen.
        Um dir zu antworten: Ja würde ich; es käme darauf an, wofür die andere Webseite steht.
        Tschau

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  5. seelensupergrau Says:

    Ich lese mich gerade ganz langsam „Häppchen“ für „Häppchen“ hier durch. Es verstärkt eigenes erlebtes sehr.Ich möchte nur sagen, dass ich es sehr stark und ewundernswert finde, wie du dich damit auseinanderesetzt und ich wünsche dir alles gute und viel Kraft ♥

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  6. Yvonne Says:

    Eigentlich bin ich hier nur gelandet, weil ich mich näher in das „Krankheitsbild“ Multiple Persönlichkeit einlesen wollte – und habe durch diese Schilderungen so viel mehr darüber gelernt und begriffen, bin fasziniert von der Fähigkeit des menschlichen Gehirns und der Psyche, zu dissoziieren; und bin so geschockt und traurig beim Lesen Deiner (ich hoffe, diese persönliche Anrede wirkt nicht „übergriffig“, falls doch, bitte ich im Vorfeld um Entschuldigung) Fallbeispiele, sehe dieses kleine Kind vor mir, daß ich einfach nur in den Arm nehmen und wegbringen möchte, bevor es all diese grauenvollen Erlebnisse hat…. Respekt für Deinen (oder eigentlich Euren!) Mut und diese Offenheit, dies so in bildliche Worte fassen zu können!

    Viele herzliche Grüße, Yvonne (eine von den „Nicht-Vielen“ 😉 )

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    • Mari Says:

      Ich danke dir von Herzen.
      Gerade dieser ungestillte Wunsch nach einem schützenden Arm ist tief in mir eingekerbt, wie ein Hunger, den ich nicht loswerde, bis heute nicht.

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