Archive for the ‘Prügelstrafe’ Category

Hast du?

1. Februar 2017

Vorsicht triggert: Mord als Gewaltfolge!

Kurzgeschichte von mir! Urheberrechtlich geschützt.
(Der Versuch eines sogenannten Subtextes.)

1.2.17

Sie stellt die schweren Einkaufstaschen ab, stemmt die Hand in den Rücken und stöhnt. Er kommt in die Küche gestürmt: „Und? Hast du’s ihm gesagt?“
Sie lässt ihre rechte Schulter kreisen: „Hm!“
„Was hm?“
„Hm ist hm, mir tut alles weh.“ Dabei versucht sie eine Tasche auf den Tisch zu hieven.
„Was’n nun? Hast du?“ fragt er.
Sie lässt es bei dem Versuch, richtet sich auf, schaut ihn kurz an und verlässt die Küche.
Er sieht auf die offene Küchentür, dann auf sein Bierglas in der Hand. Nach dem zweiten Blick zur Tür trinkt er in einem Zug das Bier aus, wischt sich mit dem Jackenärmel über den Mund. Dann strafft er seinen Körper und stapft in Richtung Wohnzimmer.
Sie liegt erschöpft im Sessel und starrt an die Decke.
Von der Tür kommt: „Ich will jetzt wissen, ob du’s ihm gesagt hast!“
„Mach es doch selbst!“
Kaum das letzte Wort ausgesprochen landet der erste Faustschlag auf ihrem linken Auge. Dann kniet er über ihr.
Zwischen seinen Schlägen bemerkt er erst einen sonderbaren Blick von ihr, dann einen heftigen Schmerz in der Brust.
„Mach es doch selbst!“ sagt sie, rollt ihn von sich runter und verlässt die Wohnung.

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Warum können wir Worte niemals wörtlich nehmen?

19. Juni 2016

19.6.16

„Stellen Sie sich bitte ein Glas hin, während Sie auf mich warten!“

Zum wiederholten Mal gesagt. Aber ich wage es nicht, in einem fremden Raum etwas anzufassen. „Warum haben Sie sich kein Glas genommem?“
„Ich habe keinen Durst! Und hätte ich Durst gehabt, wäre ich aufs Clo gegangen, und hätte am Wasserhahn getrunken.“

Man meint, es sei ein einfacher Dialog. Aber was mir dann gespiegelt wird….halleluja! Und dann setzten die Erinnerungen ein, ich erkannte die Zusammenhänge.

Wo ich anfangs dachte: Warum meckert die immer so?, erkenne ich, dass es die erste Thera ist, die mein Denken, mein Verhalten spiegelt, damit ich mein verqueres Agieren verstehe, und das nach 12 Jahren Therapie und etlichen Thera’s.

In dieser Stunde, Sunden danach, den Tag danach weinten wir ununterbrochen.
Wieder ins Bewusstsein zu kriegen, wie wir als Kind erlebten, fühlten…Scheiße!
Ich fasse zusammen:
– Warum hinterfrage ich jedes gesagte Wort?
– Warum suche ich einen Haken, wenn mir jemand etwas Gutes will?

Angst war mein Dasein, jede Stunde, jeden Tag, 16 Jahre lang.
Immer auf der Hut, in völliger Anspannung musste ich jeden gehörten Satz hinterfragen, deuten, jede Tonlage erkennen….nur…nur um herauszufinden, ob ich mir eine „Ruhephase“ vor der Angst gönnen kann.
Und selbst dies war unsicher, denn nie konnte ich etwas als Gegeben annehmen, stets kippte die Stimmung der Eltern von einer Sekunde auf die andere, und ich war ohne Vorwarnung den Schlägen ausgesetzt.
Auf Worte konnte ich mich nie verlassen.
Meine Gedankenkreisel als Kind waren Tag und Nacht:
Warum hauen die mich?
Was hab ich denn getan?
Warum bin ich denn schlecht?
Warum, warum, warum?

Fragen über Fragen meine ganze Kindheit über.
Antworten?
Antworten gab es niemals!

Zu niemanden konnte ich gehen, mich anvertrauen.
Bei der Geburtsfrau mal anlehnen, Sicherheit suchen? Kannte ich nicht, gab es nicht, erinnere mich nicht einmal an einen liebevollen Blick.

Ein Mädchen, dass kein Vertrauen, keine Geborgenheit, erst recht keine Sicherheit erlebt hat, niemals. Niemals!

Das war ich. Ein Mädchen, deren jede Pore vollgestopft war mit purer Angst! Jahr für Jahr nur Angst!!!!!!

Warum soll ich heute glauben können, dass irgendjemand mir wirklich gerade etwas Gutes sagt, oder etwas Gutes will?
Woher soll dieser Glaube kommen? Selbst in unserem Erwachsenenleben konnten wir diese Erfahrung nicht so machen, als dass sie nur ein einziges Mal stetig war, glaubhaft. Immer kamen böse Konsequenzen.

Im Heute suchen wir also noch immer nach dem Haken! Suchen nach Bedingungen, die dann eingefordert werden, versuchen wir den Tonfall zu analysieren….Summasummarum: Wir gehen von vornherein in Abwehrstellung um uns zu schützen, und das, obwohl die Kindheit fast 40 Jahre her ist.

Darauf sehen zu müssen, dass ein kleines Mädchen so leben musste, so aushalten musste……tut verdammt weh. Erst recht die Erkenntnis: Das war ich!

Kein Wunder, dass alles aus uns heraus weint und weint.
Ist das Trauer? Endlich? Fängt damit die Verarbeitung an?

Jeden Tag neu

29. Mai 2013

An manchen Tagen frage ich mich, wo die Kraft herkommt. Sie ist da und ich tue Dinge, die an anderen Tagen nicht mal zu denken wären.
Logisch, dass ich Post von der Staatsanwaltschaft bekam, mit der Info, dass laut Gesetz … bla, bla… das Verfahren eingestellt wurde. Wusste ich vorher. Aber dass ich den Mut und die Kraft habe, Beschwerde dagegen einzulegen, das hab ich nicht von mir erwartet. Ich habe um „Ruhen“ gebeten, bis das neue Verjährungsgesetz auf den Weg gebracht wird. Ohne Nachdenken um die Folgen ab in den Briefkasten.
Natürlich denke ich seit Monaten darüber nach. Warum tue ich das? Welchen Zweck verfolge ich? Was soll das bringen?
Nun, mir bringt es nichts… nichts für mein Leben, nichts für mein Empfinden in Zukunft.
Rache? Blödsinn.
Was treibt mich?
Und dann bemerke ich an mir die Explosionsgefahr, wenn ich auf der Straße, ach, egal wo, Menschen erlebe, die ihre Kinder anschreien, sie ohrfeigen, schubsen, kneifen oder ähnliches. In mir steigt alles an Schmerz auf, ich bekomme Wut, ich verzweifle. Verstehe nicht, dass noch heute im Jahr 2013 der Mensch noch immer nicht verstanden hat, was er Kindern antun kann.

Und dann wird mir klar, dass ich trotz der widrigen Umstände des Aufwachsens meiner Eltern, noch immer kein Verzeihen ihres Verhaltens fühlen kann. Und mir wird auch bewusst, dass ich AN STELLE tausender Kinder diesen Schritt gehen will-Strafverfolgung.
Wie viele Kinder werden sich noch das Leben nehmen, in Psychiatrien versteinern, nur Angst kennen und kein wirkliches Leben führen können? Wie viele noch? Wann hört das auf? Und wie viele Eltern dagegen werden weiter ihr Leben leben in Beschaulichkeit und ohne Reue? Ich krieg nen Hals!!!!

Es muss endlich ins Bewusstsein der Menschen getragen werden, was heute noch in Familien passiert.
Ich halte das einfach nicht mehr aus.
Und wenn ich auf mich sehe, erkenne ich die Wut und die Verzweiflung darüber, dass mein Erleben nicht mit dem Tod der Eltern enden wird, sondern erst mit meinem eigenen Tod, dem physischen, dem unabdingbaren.
Den wirklichen Tod kenne ich schon lange. Da ist jeden Tag ein bisschen mehr an sterben, jeden Tag.

Jeden Tag.
Jeden Tag, an dem ich erlebe, dass ich immer noch die abgestempelte Schuldige bin, die ihre Klappe nicht halten will, die sich aufbäumt.

Jeden Tag neu das Erleben, nicht zur Familie zu gehören. Jeden Tag neu, verlassen zu werden. Jeden Tag neu! Das wird nie aufhören. Nie! Weil es zu meinem ICH gemacht wurde.
Und jeden Tag neu muss ich des Überlebens wegen die falschen Mechanismen des Dissoziierens einsetzen, damit ich den Abend erlebe. Jeden Tag neu!

Wie vielen Millionen Kindern auf der Welt soll das noch passieren, bis endlich mal die Erde in einem Ur-Endlos-Knall zerfällt?
DAS lässt mich verzweifeln!!!
DAS!

Tränen    Tränen              

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„Pädagogisch“ wertvolle Wortwahl

25. Mai 2013

Haue!

Jahrzehnte lang aus dem Gehirn verbannt, war das Wort heute plötzlich da.

Haue, von mir nachgeplappertes Vokabular in der Kleinkind-, und Vorschulzeit.

Kann ich nachvollziehen, dass man bei so einem kleinen Kind ein verniedlichendes Wort brauchte, eben Haue!
Und klein und niedlich war ich eben auch. Anpassung ist alles, oder?

Kloppe,

das Wort benutzte ich im Grundschulalter.
Nicht, dass ich jemals irgendwem von der Kloppe zuhause erzählt hatte, nein. Das kam nicht vor. Es war aber zu dieser Zeit Kloppe.

Dresche!

Das Wort für die älteren Kinder wurde von der Geburtsfrau geprägt, benutzt, was auch immer.
Ja, es gab immer Dresche. Das klingt doch angepasst an reifere Kinder, oder?
Drückt doch was aus, was kräftiges, nich? Ja, und Dresche wurde auch gern von ihr angekündigt.
Nun, dann hieß es für mich warten, bis der Vater nach Hause kam und an mir seinen Job erledigte.
Ab dem 13. Lebensjahr fiel dieses Warten weg, da die Geburtsfrau nun die Tätigkeit ausübte, bis zu ihrer Erschöpfung drauf zu schlagen. Gleich, sofort, das Kramzimmerritual fiel weg. Es prasselte auf mich nieder, egal welchen Teil der Wohnung wir gerade beehrten.

Am unkalkulierbarsten waren die Schläge aus dem Handgelenk des Vaters. Halleluja! Was ich sagen will: Auch er schlug mich noch bis zu meinem Auszug, aber nur kurz, knapp, kräftig, zwei drei Mal. Die sogenannten Prügeleien waren nur noch Sache der Frau. (Noch heute, 35-40 Jahre später, bin ich am Zucken, wenn sich neben mir etwas ruckartig bewegt. Ich gehe in Deckung, nehme den Arm vors Gesicht. Noch heute!)
Das Wort Dresche schwebte stets als Drohung in den Äußerungen von den Eltern mit.

Ich muss hier mal lobend erwähnen, dass die Eltern sehr pädagogisch handelten: Für das passende Alter die passende Worte! Ist das nicht nett? Ich hatte kluge Eltern!

Prügelstrafe „Schwarze Pädagogik“

11. Mai 2013

Zitate aus „Die geprügelte Generation“ von Ingrid Müller-Münch

Märchen 

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen.
Als es nun ins Grab versenkt und Erde über es hin gedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte es in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nichts, und das Ärmchen kam immer wieder heraus.
Da musste
die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

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Dr. med. Johanna Haarer, geb. 1900 schrieb Erziehungshandbücher,  darunter Propaganda von Nazis, mit Prügel zum absoluten Gehorsam, „Affenliebe zum Kind macht dieses verderblich.“ Beispiele sind Sätze: „ Entweder du spurst oder es knallt!“, „Entweder reißt du dich jetzt am Riemen, oder ich schlage dich windelweich!“

Johanna Haarers Bücher waren bis in den 80er Jahren bekannt, da noch über 1 Millionen Exemplare aufgelegt. Hauptaussage: „ Kinder sind chaotisch, bösartig und müssen deshalb gezähmt werden zu ihrem eigenen Besten.“

Viele Kriegstraumatisierten bauten auch durch die Prügeleien ihren Stress ab.

Das „Vicarous-Trauma“, das sogenannte Stellvertreter-Trauma ist die Tatsache, dass die Kinder das Kriegstrauma ihrer Eltern quasi für sich übernommen haben, sie durchlebten die ehemaligen Leiden der Eltern, als wären sie ihre eigenen Leiden gewesen.

Eltern wollen stets ihre Kinder beschützen, egal wie gewalttätig sie sich dabei geben. Sie sprechen aber nie über ihr Kriegserleben. So bleiben die geschlagenen Kinder immer mit der Frage zurück: Warum? Was habe ich falsch gemacht? Das Kind kann die Verbindung zwischen den Schlägen und dem, was die Eltern erlebt haben, einfach nicht herstellen.

Neben der körperlichen Gewalt ist die der seelischen Grausamkeiten genauso zerstörend. Psychoterror in den Familien zeigte sich durch Liebesentzug, Hausarrest, Schweigen, Demütigungen vor anderen, Bloßstellungen. Ein ständiges „Leise sein müssen“ vermittelt Kindern zu stören, in der Familie überflüssig zu sein. Es empfindet jeden Unfrieden in der Familie als eigene Schuld. Das Kind entwickelt in sich die Vorstellung. „Ich bin nicht richtig, egal wie ich mich anstrenge.“

Meine Schmerzen verdrängen – keine Blöße geben

10. Mai 2013

Mein Leben hat mich gelehrt, Schmerzen auszuhalten, zu negieren, sie nicht zu äußern!!!

Kindheit: Mein erster Erinnerungsschmerz liegt im 5. Lebensjahr. Ich war in einem Ferienlager, fiel von einem Doppelstockbett und brach mir den rechten Oberarm. Das Ding baumelte an mir herunter, wenn jemand den Arm fasste, war der Schmerz da. In den weiteren Jahren erinnerte mich Schmerz beim Weitwurf immer daran. Ich wurde zwar längst mit 5 Jahren zuhause geschlagen, aber an Schmerzen diesbezüglich habe ich keine Erinnerungen, nur an die irre Angst vor Prügel. Ich war dann als Schulmädchen sehr sportlich, aber auch hastig in den Bewegungen. Ab und an musste mich die Mutter aus einer Klinik abholen wegen Verstauchungen, Zerrungen, und erfreut war sie keineswegs. Im Gegenteil, da kam von ihr keine Besorgnis oder Fürsorge, sondern Schelte, weil sie vom Arbeitsplatz weg musste. Wenn ich an die vielen Ohrfeigen bis ins Jugendalter denke, dann ist da ein Erinnerungsschmerz. Diese kamen stets aus dem Nichts, ich musste immer auf der Hut sein. Heute noch zucke ich bei schnellen Bewegungen neben mir zusammen und gehe in Deckung. In den Prügelszenen war ich wohl meist wegdissoziiert, denn ich erinnere keine Schmerzen, wenn ich diese Szenen vor mir habe. Ich weiß aber noch, dass ich nie wusste, wie ich währenddessen mein Verhalten anpassen sollte, um weniger ab zu bekommen. Hoffte ich durch lautes Schreien vor Schmerz auf schnelle milde Stimmung, dann hatte ich meist das Pech, dass meine Laute den Vater noch wütender machten. Dann erinnere ich mich an die sturen Versuche von mir, keinen einzigen Mucks von mir zu geben. Das ging auch in die Hose, verstärkte eher den Frust beim Vater, weil er wohl meine unterwürfigen Schreie brauchte. Na dann erst ging die Post ab, denn ein stures, stummes Kind ist aufmüpfig und muss erst recht gezüchtigt werden. Als Kind dachte ich oft daran, wie viel Gegenstände meinetwegen ersetzt werden mussten, weil sie an meinem Körper zerbrachen. Kleiderbügel, Holzkellen, Besenstiele, Teppichklopfer. Gern nahm er den Hosengürtel, ein Schlüsselbund machte es auch. Nichts, aber auch gar nichts kann  mich an diese körperliche Schmerzen erinnern. Da sind nur dieses innere Zerreißen, diese Hilflosigkeit, dieses Verlassen sein, dieses nicht von der Mutter beschützt sein, völlige Leere und totales Bersten … alles gleichzeitig. Auf die Nachfrage vor kurzem, an die Lehrergeneration von damals, bekam ich die Auskunft, dass man sehr wohl an Kindern die Flecke und Verletzungen sah, es aber unüblich war, sich einzumischen. Es wurde also in den 60iger und 70iger Jahren darüber hinweg gesehen, Schläge gehörten noch zu der Erziehung.  Einmal schob ich 13jährig einer Lehrerin mein Tagebuch unter. Einen Tag später gab sie es mir zurück mit der Aussage, sie wolle damit nichts zu tun haben. Ich verbrannte es vor Enttäuschung am selben Tag im Ofen. Was da drin stand, weiß ich nicht mehr. Aber es war der erste Versuch in meinem Leben, um Hilfe zu bitten.

In meinem Haus waren die typischen Sprüche: Hab dich nicht so!, Stell dich nicht so an!, Jammerlappen ganz normal. Du solltest keine Befindlichkeiten zeigen. Hast du es doch getan, wurde es herunter gespielt. Also habe ich gelernt, dass man Schmerzen nicht äußert.

Auf der Oberschule habe ich mir einen Finger an einem Glas bis zum Knochen aufgeschnitten. Ich hatte ein angenehmes Gespräch mit dem Arzt, der auf meinen Wunsch hin ohne Betäubung den Finger nähte. Ich sah zu und plauderte mit ihm.

Studium: Ein Sportler hält alles aus! Halleluja! Das war in den 80iger Jahren auch eine eiserne Regel. Nun, ich hatte es sowieso zuhause gelernt, also konnte ich beim Sportstudium mehr wegstecken als viele andere. Schon im ersten Studienjahr schickte man mich zum Röntgen, weil die Rückbeuge im Rücken nicht so weit, wie üblich, möglich war, und ich Schmerzen hatte. Dort stellte man fest, dass ich einen Wirbel mehr im Steiß habe als normal wäre, und die Bandscheiben schon halb weg sind. Okay, ist logisch, da fehlt Platz, muss also wehtun. So dachte ich dann die Folgejahre. Zur großen Turnprüfung (alle Geräte) habe ich mir vorher beim Arzt eine Betäubungsspritze in ein schmerzhaftes Überbein am Handgelenk oben setzen lassen, damit ich teilnehmen kann. Ohne hätte ich die Hand nicht aufstützen können. Niemand sollte denken dürfen, dass ich mich drücken will. Das Überbein habe ich mir durch das viele Üben vorher zugezogen.

Tja, die Prüfung ging mit gutem Ergebnis für mich aus. So in etwa zog es sich durch die Studienjahre. Zähne zusammen beißen, keinen Schmerz zeigen. Als Speerwurfkampfrichter hatte ich einen Speer in meinem Innenknöchel stecken … was macht Kathrin? Nachdem der Speer abgeplumpst war, ging ich die weite Strecke zum Platzrand, das Blut quoll aus meinem Schuh, ich suchte einen Sani in aller Seelenruhe. Na und? Ist nur Schmerz, kannte ich doch!

Beruf: Üblicher Weise kam irgendwann im ersten Dienstjahr jemand zur Hospitation um dein Tun zu begutachten. Nur ein Satz davon ist noch in Erinnerung: „Fräulein B., mir ist aufgefallen, dass sie zu jeder Gelegenheit sitzen. Und das im Sportunterricht. Das ist nicht üblich!“ Ich war sehr erstaunt, weil mir vorher nie bewusst war, dass ich jede Gelegenheit zur Rückenschonung nutze. Nun, diese Meise habe ich nie geändert, weil es gar nicht anders ging. Tja und im Laufe der Jahre, in denen man ja auch aktiv wird im Unterricht, habe ich mir verschiedene Finger gebrochen, Stauchungen geholt, Bänderdehnungen, Nackenzerrungen und sonst was. Mit der Zeit habe ich selbst schon die Diagnosen stellen können. Konnte abwägen, ob ein Arztbesuch Zeitverschwendung wäre. Mit einer Ausnahme erst vor wenigen Jahren. Da ging ich nach 6 Wochen anhaltendem Schmerz dann doch mal, und musste ein Gezeter des Arztes über mich ergehen lassen, weil ein Knöchelgelenk in einem Finger dann wohl doch völlig abgerissen war. Na ja, passiert eben! Konnt ich ja nicht ahnen.

Meine Erwachsenenjahre bestanden in 7 Tagen aus 3 Kopfschmerztagen und 4 Rückenschmerztagen oder umgekehrt. Woche für Woche, Monat für Monat, und Jahr für Jahr. Alles an Schmerzmitteln war nicht mehr wirksam bei mir, hatte sich meinem Körper „angepasst“ und half nicht mehr. (Dass ich noch kein Loch im Magen habe, ist ein Wunder.) Irgendwann kam der Punkt, wo ich nur noch auf dem Sofa lag und lieber hätte sterben wollen, als die Schmerzen weiter auszuhalten. Hatte dann aber Glück, eine ambulante Schmerztherapie machen zu können mit irgendwelchen Psychopharmaka, die die Schmerzschwelle wieder runter setzten. Hat mir echt geholfen. Der Witz am Ganzen: Es waren psychosomatische Schmerzen weiß ich heute, und die Psychopillen haben mir auch gut getan. Ja, man hätte es damals besser wissen sollen. Aber das Wort Depressivität kannte ich nicht für mich, nur die tiefen schwarzen Löcher, die mir seit der Kindheit bekannt waren.

Zur Weihnachtszeit 1997 oder 98 bekam ich von einem jungen Mann den verpatzten Volleyballaufschlag voll an die Kopfseite, während ich noch am Netz rum fummelte. Die Schmerzen habe ich dann bis zum 3. Januar ausgehalten, dann plötzlich konnte ich keinen Fuß mehr setzen, die Arme nicht mehr heben. Also ins Krankenhaus. Atlasbogenbruch, auf Deutsch – Genickbruch. Ja und nun? Mein Kind konnte nicht zuhause allein bleiben, von meiner Familie hörte ich nur Bedauern, aber es ließ sich niemand blicken. Meine Freundin kam extra aus Ungarn angereist, um mich zu pflegen und für das Kind da zu sein. So ist das mit der Familie, nech?

Ein Viertel Jahr hat es gedauert, ehe überhaupt die Schmerzen aufhörten.

Was seit der Kindheit sich nicht geändert hat, sind die täglichen Schmerzen beim Einschlafen wollen. Ich liege so lange auf der einen Seite, bis ich es vor Schmerzen im Beckenknochen nicht mehr aushalte. Dann drehe ich mich um, und kann wieder nur so lange so liegen, bis ich mich vor Schmerzen wieder umdrehen muss. Auf dem Rücken geht gar nicht, und die Versuche auf dem Bauch scheitern immer an Knieschmerzen. (Deshalb kann ich nicht stundenlang am Strand liegen … unmöglich.) Das war schon immer so, und wird wohl so bleiben. Das Einschlafen an sich ist also schon gestört durch diese Schmerzen, seit ich denken kann. Nun kommen noch die Grübeleien, die Ängste und all das dazu, was eben zu einer Depression und zu Traumatas gehört. Das Einschlafen ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung. Wie sagt man? Was der Mensch kennt, frisst er.

Neu hinzugekommen sind die beim Aufwachen. An den unmöglichsten Körperstellen, die überhaupt gar nicht mit den Rändern des Bettes in Berührung kommen können, habe ich Schmerzen. Manchmal wache ich sogar davon auf. Das ist die erste Erfahrung gewesen mit Trauma-Erinnerungsschmerzen von den Prügeleien. Aber auch daran habe ich mich schon gewöhnt, und nehme es hin.

Typisch für mich ist heute noch die Tatsache, dass ich in der Öffentlichkeit oder auch im Klinikgeschehen keine Schmerzen äußere. Es liegt hauptsächlich daran, dass ich dieses Äußern nicht kenne, und auch daran, dass ich Angst habe, dass Leute denken, ich möchte Aufmerksamkeit. Das geht ja mal schon gar nicht. Um Gottes Willen, nein!

Dann sitzt du da in der Gruppenrunde und fragst dich, warum die anderen immer von Schlafproblemen reden und von Schmerzen, mal hier und mal da. Ich sitze da und denke: Würde ich nie im Leben äußern.

Fazit: Ich habe die Schmerzen, nehme sie aber kaum wahr, weil sie bekannt sind. In Extremfällen kann ich nach Unfällen im Alltag auch einfach abschalten, mich völlig aus der Schmerzsituation herausnehmen mit Konzentration. Dann stehe ich wieder auf, merke da was, wird aber negiert.

Manchmal habe ich den Gedanken, dass ich durch die geübte Schmerznegation mal nicht merken würde, wenn sich in meinem Körper etwas Lebensbedrohliches anbahnt. Da denke ich dann weiter, und sage mir: Auch gut, dann geht es mal ratz Batz. Das will ich ja sowieso!


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