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Säugling Sofie ; Teil 2

17. April 2015

Sofie – mein jüngstes Innenkind, 2 Monate alt (Vorsicht-Triggergefahr!)

Geschrieben am 12.4.13

Im Jahr 2006, während des Klinikaufenthalts in Hessen, zeigte sich mir, was ich Jahrzehnte lang als so unsagbar tiefen, inneren Schmerz gefühlt habe, was ich immer als in einer dunklen Ecke verstecktes Schreien in mir wahrgenommen habe. Sofie.

Zu diesem Moment waren alle von uns in einer Aufruhr, jeder stülpte mir seinen eigenen Schmerz über, alle brüllten durcheinander, ich konnte nichts mehr händeln. In diesem Wirrwarr tönte aber plötzlich ein unüberhörbares Stimmchen durch alles hindurch, es schnitt durch Mark und Bein.

Die Erklärung, warum mir meine eigenen inneren Kinderanteile dieses Stimmchen in den Arm legten und damit ihm in seinem Schmerz den Vorrang gaben, glaube ich in der Stärke der Innenpersonen zu finden. Wenn es dissoziierte Anteile sind, dann sind sie aus einem enormen Überlebenswillen heraus entstanden, besitzen Kraft und erhalten mich als Gesamtsystem am Leben. Darin sehe ich auch eine gewisse Art von Verantwortung, die die inneren Anteile übernommen haben, jeder auf seine Art.

Aus heutiger Sicht weiß ich ebenso, dass meine Anteile verschiedene Aufgaben haben, weil sie verschiedene Stärken besitzen.

In dem Augenblick, wo sie mir den Säugling Sofie in den Arm legten, waren sie selbst überfordert und übergaben der Erwachsenen die Aufgabe, sich darum zu kümmern.

Ich finde bis heute keine Erklärung dafür, warum ein Innenkind mir seine Geschichte zeigte, obwohl ich zu dieser Zeit in einem völligen Ausnahmezustand war. So schlecht ging es mir noch nie. Wo ich doch heute mittlerweile weiß, dass mir immer nur dann wahre Erinnerungen verraten werden, wenn ich es verkraften würde.

Damals hatte ich nun das Baby tagelang im Arm, (fühlte es wirklich in Kilogramm, teilweise taten mir Arme und Rücken weh aufgrund der „erstarrten“ Umklammerung, damit es nicht fällt) verschob aber die innere Achtsamkeit auf später. Bis zu der Mittagsruhe, an dem es sich bis zu meinem Hals empor arbeitete und mir seine Geschichte in zwei überdeutlichen Bildern anvertraute. Meinen Schock darüber hatte ich in Tagebuchaufzeichnungen angedeutet.

Ich kann niemanden klar machen, wie es in mir ausgesehen hat, denn wie soll man etwas in Worte fassen, was so unvorstellbar als Tat ist, dass man es sich einfach als normaler Mensch nicht vorstellen kann und will. Und dazu das Wissen um die Anatomie eines Säuglingskörpers … Nein, sagte ich! Nein, leugnete ich! Es war für mich erträglicher, indem ich mir selbst neurotische Anwandlungen unter schob, und mir zusätzlich einredete, dass man sich niemals so weit zurück erinnern könnte.

Und obwohl ich in den Folgejahren immer wieder auf Veröffentlichungen stieß, die so eine Tat als möglich, als nachgewiesen, als nicht so selten … oh mein Gott … anprangerten, konnte ich es nicht in meinem Hirn als mögliche Wahrheit verankern.

Heute ist der 12.4.13, vorige Woche habe ich aus der Zeitung einen Kurzartikel ausgeschnitten, ihn an meine Pinnwand geheftet. Warum?

Weil es das erste Mal war, dass ich auf die Tatsache stieß, dass ein Täter so eine Tat zugibt.

Zitat: „ … 60-jähriger Ingenieur aus Freital … Gefängnisstrafe von 6 Jahren… verurteilt… Der langjährige Mitarbeiter der Bauaufsicht im Pirnaer Landratsamt hatte eingeräumt, über Jahre seine Tochter als BABY und Kleinkind missbraucht zu haben.“

So, da stehste nun, bist platt, willst das alles nicht haben.
Musst aber nun glauben, dass es so etwas wirklich gibt auf Erden.

Fakt ist aber, dass ich dieses Bild (Erinnerung) in mir seit fast 7 Jahren mit mir rum schleppe, es mit Niemanden bisher besprechen konnte und wollte. Wollte – ist gut gesagt, ha.

Es geht nicht. Da ist eine Sprachlosigkeit, da kommt nichts aus meinem Mund, rein gar nichts.

Da ist in mir nur der altbekannte Wunsch festgehalten, beschützt zu werden, mein Gesicht in eine Halsbeuge zu pressen, einen Pulsschlag zu spüren, Hände schützend um mich herum gelegt zu fühlen.

Und einfach nur ein „Da ist jemand!“ zu erfahren.

Oh Mann, ich weiß, es klingt alles sehr irre. Aber vielleicht bin ich das ja auf gewisse Weise. Aber ich kann ja nur das erzählen, was aus mir selbst raus kommt.

Wann der Name Sofie kam, das weiß ich nicht mehr, er war irgendwann einfach da.

In den Jahren nach 2006 war sie anwesend, einfach nur anwesend, meist in einer Ecke. Ich sah was sie sah. Mehr nicht. Wenn unser Haufen (Annegret, Marie, noch 4 Kinder, Große, Managerin, 2 Jungen, Rebell, Schlitzauge…) unterwegs war, wurde sie einfach getragen. (Haufen, das ist von mir liebevoll gemeint.) Egal was mit uns, in mir abging, Sofie war still, starr, emotionslos. Ich fühlte sie nur als Teil, still, zerbrochen, einfach nur da.

Bis zu einem bestimmten Tag, an dem wir unserem Engelchen begegnet sind.

Ein Augenpaar sah in uns hinein, so warmherzig und gut, bis hin zu Sofie. Und so eigenartig das jetzt auch klingen mag, ich weiß heute, dass Sofie so lange in mir gewartet hat, bis sie die absolute Sicherheit für sich gesehen hat.

In diesem Moment begann sie zu leben, in mir aktiv zu werden, sich zu zeigen, kippte alles an Fühlen über mir aus. Und in ihrem Durst nach Schutz drängelte sie sich unablässig vor. Puh, es war schon eine eigenartige Erfahrung für mich.

Nicht weil ich sie endlich als aktiven Anteil spürte, sondern weil etwas in mir neu war.

Neu?

Die Kleinen wurden zum Sprachrohr. Ja, so könnte ich es ausdrücken. Sofie hat keine Sprache. Sofie kann gar nichts, nicht malen, nicht schreiben, nichts. (Deshalb liegt wohl seitdem alles an Hobbys brach.) Sofie hat nur ein Fühlen als Ausdrucksform.

Und scheinbar hat sie als jüngster Anteil in mir auch das intensivste Fühlen, das, was nach echter Wahrhaftigkeit sucht. Wie soll ich das alles nur erklären?

Sofie hat die Kleinen (die ja älter als sie selbst sind) zur Kontaktaufnahme vorgeschickt. Diese waren logischer Weise erst einmal irritiert, misstrauisch. Wir waren es nämlich nicht gewöhnt, uns anderen Menschen zu zeigen. Und wir waren gewöhnt, dass irgendwo der Haken am Ganzen versteckt sein müsste: Bedingungen! Zuwendung ohne Bedingungen waren absolut unbekannt für uns. Aber da waren plötzlich keine, egal was wir anstellten.

Und als wäre Sofie die Schlüsselfigur in unserem System, konnten sich einige von uns nach und nach öffnen. Schon wenn wir nur in der Nähe des „Augenpaars“ , unsrem Engelchen waren, ging ein Gedränge und Geschuppse in mir los …heute lächle ich bei der Erinnerung … damals war es ein chaotischer Zustand für mich. Chaos pur. Jeder der Kleinen wollte mit dem Engelchen ZEIT haben. Jeder Einzelne für sich nahm das Angenommen sein wahr, wollte es auskosten, wollte gemocht werden, wollte draußen leben.

In diesen Wochen neuer Lebenserfahrungen wurde Sofie wieder stiller. Kann nicht sagen, woran es lag. Vielleicht war sie einfach nicht fähig, so klein und unerfahren, ihre Bedürfnisse aufzuzeigen. Ich weiß es wirklich nicht.

Bis ich das absolut größte Schlüsselerlebnis meines Lebens hatte.

Sie rutschte an meinem Körper herunter, verließ mich, und kroch an ihrer Wunschmami, unserem Engelchen hinauf, bis an deren Halsbeuge, legte sich kuschelnd hinein. Ich war baff. Ich war im ersten Moment so was von verblüfft, keine Worte dafür.

Und dann fühlte ich, was Sofie fühlte: Hier bin ich beschützt, hier fühle ich Liebe, hier möchte ich bleiben. Bitte Mari, lass mich bleiben, bitte!

Ich werde sicherlich noch Jahre brauchen, um auch das zu verstehen.

Aber das macht nichts, weil ich einfach spüre, dass es richtig so ist.

Sofie trägt so viel Leid in sich, Leid, das ich selbst bisher nicht auffangen konnte. Leid, das Sofie sicherlich auch nie ausdrücken können wird. Es ist da, ohne Sprache. Vielleicht konnte ich ihr deshalb nicht helfen, keine Ahnung.

Was ich aber kann: Ich kann ihr lassen, was sie braucht, die Mutter.

Und die werde ich wahrlich niemals sein können, weil ich sie eben Faktum nicht bin.

Ich bin Viele.

Ich bin zerstückelt in Einzelteile.

Aber jeder Einzelne von uns ist eben auch ICH. Ich, das sind wir, kleine Kinder, Jugendliche und sicherlich irgendwo versteckt auch erwachsene Anteile. Was wir auf keinen Fall sind: unsere eigene Mutter! Wir sind nur „Produkte“ dieser Geburts-Mutter, die nie die innere Verbindung zu uns gefunden hat.

Ich weiß, dass eine von uns eine Mutter ist, die Mutter meiner eigenen Tochter! Aber dieser Anteil gehört zu ihr, meiner Tochter.  Er kann sich nicht selbst Mutter sein.

Nun hatte sich Sofie also ihren Platz gesucht, wollte dort bleiben.

Wir anderen dagegen mussten aufgrund der äußeren Bedingungen, die das wahre Leben nun mal so mit bringt, diesen Ort der Vertrautheit verlassen. Was das für ein Gezeter auslöste, Verlassensängste der Kleinen, die tief empfundene Bindung einer Großen, Weinen, Schreien, Klammern … nur Betroffene können sich ausmalen, was ich meine.
Ich schleppte und zerrte regelrecht meinen Körper vom Ort des Geschehens weg.
Es hat Wochen und Monate gedauert, bis in uns wieder eine gewisse Ruhe einkehren konnte.

Noch ein paar Worte an Sofie:

Liebste Kleine,

du bist ein ICH, wirst es auch immer bleiben, ich habe dich lieb, unumstößlich!!

Aber wenn die einzige Hilfe, die ich dir sein kann, die ist, dich bei deiner Wahl zu lassen, dann soll es so sein. Du darfst bleiben an dem Ort, nach dem du dich 51 Jahre lang gesehnt hast. Alle von uns wissen, dass dieser Ort für dich ein sicherer ist. Mit dieser Gewissheit darfst du dich lösen, auf deine Art. Geh, und bleib wo du SEIN darfst!

Wir werden dich immer lieben.

Aus dem Tagebuch: Chaos im Inneren

17. April 2015

Nicht nur in den Tagen ist das Stimmungsbarometer ein wirres Auf und Ab, auch in den Stunden. Heute war so viel auf einmal in mir. Morgen kommt eine Studienfreundin als Übernachtungsgast. Da hieß es gestern den Einkauf erledigen. Und Ballett – Eintrittskarten sind besorgt, freu, freu.
Heute wollte ich meine sehr gedrückte Parallelstimmung durch Aufräumen und Bügeln weg drücken. Denn noch immer sind da Vorbehalte gegen die neue Thera, obwohl diese sofort nach meinem Besuch mit meiner alten Thera (sie hat’s mir gleich gemailt) telefoniert hat. Was ja ein Zeichen von Kompetenz und Gutem Willen ist. Aber irgendwie scheut sich alles in uns vor einem Neuanfang.
Ist ätzend, mir hängt noch so sehr die anstrengende Klinikzeit nach. Lieber täte ich diese in Angriff nehmen. Denn, obwohl ich die Sache mit dem leiblichen Vater äußerlich abgehakt habe, arbeitet im Inneren ein diffuses Gemisch von Hilflosigkeit, Enttäuschung, Fragen von ganz jungen Anteilen (die oft heimlich vom Vater abgeholt wurden ohne Wissen der Mutter) und ihr Gebrüll zu diesem Thema. An der Stelle (Sofie-Säugling) werde ich nie eine wirkliche Antwort finden, da kann niemals eine reale Erinnerung zu dem grauenhaften “Blitz-Bild” kommen, niemals. Ich war viel zu klein, das ist mir schon klar. Und obwohl ich dieses Bild im Tresor habe, rütteln etliche Anteile an dessen Tür, als wollten sie mir etwas sagen. Nun, ich bin nicht dumm. Mir ist sehr wohl klar, dass, wenn er es eben mal bei mir mit 16 versucht, es nicht aus heiterem Himmel kommt, dieses Verlangen. Und trotzdem bin ich als Große voll im Abstreiten. Möchte mich als dumm und krank hinstellen (uj, Introjekt lässt grüßen), als jemand mit krankhafter Fantasie. Wäre echt gut, wenn dies klappen würde. Tut es aber nicht, weil schon beim Denken dieser Abwertungen totale innere Unruhe entsteht, Schmerzen am ganzen Körper auftreten, der Kopf voll ist mit Weinen, und eine Schar von Kindern gegen mich in den Kampf ziehen will, weil ich sie nicht ernsthaft wahrnehme, alles leugne. Trara ….., ich mache genau das mit meinen Innenkindern, was die Eltern damals taten:”Halt die Fresse!”
Ein unlösbares Dilemma, wenn innere Chaoskämpfe stattfinden, ich aber die Wogen nicht glätten kann ohne wirkliche Erinnerungen. Klar,meine Hausaufgabe ist, dem INNEN zu vertrauen, genau hin zu hören, und ihnen zu glauben. Das weiß ich.
Aber stellt euch vor, ihr solltet plötzlich glauben, dass Milchtüten auf dem Acker wachsen. Würdet ihr? Sicher nicht!
So geht’s mir Großen zu dem Thema “schon als Säugling…”
Hej, das will man nicht wissen, und Teufel nochmal nicht haben! Punkt.
Oh Schitt, weg von dem Thema, hin zu einem wohltuenden, existenziellen: Unser Engelchen hat uns auf unsere Mail geantwortet, juchuuuuuuuuuuuuuuu!
Und plumps, tanzen die Kleinen wieder vor Freude: ihre Mami!!!!
Da werden von mir in nächster Zeit wieder Imaginationsübungen erwartet, besonders die : Dein ganz persönlicher Engel.
Da laufen uns jedesmal die Tränen vor Freude, weil wir echt das Gefühl haben, sie wäre bei uns. Mann, was haben wir sie lieb!
Sie war so absolut kurz an unserem Leben dran, aber sie ist bis heute der einzige Mensch, der es bis ganz nach Innen geschafft hat, einfach so, nur weil sie ist, wie sie ist!
Ein Engel eben!

 

Nachtrag: Dumm gelaufen…der zweite Therapeutenbesuch brachte mir nur die Absage! Sie würde aufdeckend arbeiten, nicht stabilisierend. Tja, das war ’s dann. Sellavie

Ich werde irre: Sofie hört nicht auf zu warten

23. April 2014

23.4.14

Was die Spaltung in verschiedene Persönlichkeiten zur Zeit mit mir macht!

Sperrt mich ruhig ein für das, was ich jetzt erzähle. Habe sowieso das Gefühl, langsam komplett irre zu werden, denn nichts unterliegt meinem Einfluss, was da in mir hoch kommt.
Es ist nicht auszuhalten. So oder so hab ich nichts mehr in dieser normalen Welt zu suchen.
Nur einer ist da, eine Helferin, die mit mir versuchen will, diesen so frühen Anteil von mir in eine imaginäre Sicherheit zu bringen.
Ein einziger mir bekannter Mensch, der aufgrund seiner Studien sich sicher ist, dass im Kleinkindalter genauso verdrängt wird, in Ecken des Gehirns versteckt wird, so, wie es auch ähnlich Erwachsene können.
Dies lässt mich dann aber fragen: Wenn die Wissenschaftler von Dissoziationen im Frühkindalter sprechen, von der Fähigkeit des Gehirns im frühsten Entwicklungsstadium sich anders als normal zu entwickeln zum Zweck des Überlebens, Dissoziationen bis zur Persönlichkeitsspaltung zu trainieren, warum wird dann noch immer von einem großen Teil der Fachwelt bezweifelt, man könne sich nicht an Dinge vor dem 3. Lebensjahr erinnern? Wenn es doch scheinbar nur in den Winkeln des Gehirns versteckt wurde?

Dies ist der Grund, warum ich sage: Schmeißt mich doch einfach auf den Irrenhaufen.

Ich gehe in einem alten Körper durch diese Welt, bekomme Pickel, habe Hitzewallungen und Altersfalten, und dennoch fühle ich die seelischen und körperlichen Schmerzen der Kleinen ab der Geburt.

Schritte, Schritte … sie können die Schritte unterscheiden … wenn sie Schritte hören, geraten sie in Höchstspannung … halten die Luft an … hoffen, warten, hoffen, warten, hoffen, warten … gehen die Schritte vorbei, ohne dass sich die Tür öffnet, fallen sie in einen tiefen, schwarzen Strudel, lösen sich auf … wollen sterben. Die kleinen Körper wollen bersten vor Schmerz … Schmerz … Sehnsucht … Schmerz … es ist so kalt … kalt … kalt … sterben … sterben. Ein Lichtstrahl, nur ein kleiner Lichtstrahl … selten, aber da … jetzt das Warten auf Schritte … Schritte … Warum kommen keine Schritte? Es ist doch Licht da! Kalt … kalt … warten … warten … hoffen … hoffen … Schmerzen … warten … warten … sterben … sterben. Augen … Wo sind die Augen? … der sanfte Blick, der uns Leben gibt …Warten … warten … hoffen … warten … er ist weg … wir wollen sterben … sterben … nicht mehr kalt … nicht mehr kalt … lieber sterben. Warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben, warten, hoffen, sterben … Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate!

Was ich hier schreibe?
Das, was ich bisher als mir völlig unbekanntes, diffuses Gefühl mit der daraus entstehenden Depression mein ganzes Leben lang mit mir rum trug, ohne Erklärungen dafür zu haben.

Seit Monaten aber habe ich all dies genau nicht nur mehr als Bild vor Augen, sondern auch genau in den Ohren, genau im Erleben, genau im Fühlen, genau in Worte fassbar. Und mit jedem Tag wird es schlimmer. Dieses unsagbar schlimme Fühlen.

Klar, leichter wird für mich, den Zusammenhang zu verstehen.
Leichter wird auch für mich, in alten Texten, Gedichten und in Zeichnungen das vor Jahren schon unbewusst nach Außen drängende Erlebte zu finden:
Schwarz, nur so ist`s gut – Warten – verschlossene Türen – Dunkel – Strudel – Schreie – gesichtslose Menschen – sterben wollen – Tod, Tod, Tod, Tod, Tod, Tod … wieder und wieder undefinierbar für mich damals beim Schreiben und Malen, weil nicht wissend woher. Leichter, weil ich endlich verstehe.

Heute?

Die Helferin müht sich, findet aber keinen Zugang zu den Kleinen. Alles Bemühen scheint umsonst. Sie ist lieb, ja, sie ist aber eben nicht unser Engelchen, das zu uns vordrang.

Der Alltag seit vielen Wochen ist der:
Schritte … egal wo ich bin … lösen das Warten aus, das Hoffen, das Zerreißen.
Ganz bestimmt einfallendes Licht – genau dieselben Folgen!
Warten müssen irgendwo, auf irgendetwas, … rumms entsteht daraus das Warten auf diesen einen, unseren Engel…rumms, ich rutsche in dieses Alter und fühle dieses schlimme Fühlen.
Schritte, Hoffen, Licht, Warten, Augen, Hoffen, Warten … Flash, Flash, Flash!

Okay, mir ist klar, dass der Weg sein muss, alles an Zusammenhängen zu erkennen, zu verstehen. So weit, so gut. Hab ich mittlerweile.

ICH. Ja, ich! Ich verstehe es! Aber nicht sie! Nicht die Kleinen. Sie sind noch dort. Sie sind zwar „wach“ geworden vor Monaten, zeigen mir seitdem genau das Erlebte von damals, aber sie sind noch dort, genau in diesem alten Geschehen von damals im Heim.
Sie weinen, schreien, weinen, warten auf ihr Engelchen, das sie aus ihrer Erstarrung geholt hat, das sie aber nicht wieder sehen werden, weil die „Kontaktzeit“ begrenzt war.
Und das ist das, was ich meine mit : IRRE!

Und wieder ist es mir völlig egal, was die Welt da draußen denkt über mich, aber ich bekomme die von mir scheinbar völlig getrennt existierenden Anteile nicht zur Ruhe. Und sie lassen mich nicht in Ruhe. Sie schütten all ihr Fühlen über mich aus, und ich stehe wie blöd da und kann nichts tun. So verzweifelt war ich lange nicht, es zerreißt mich.

Ich möchte einen Ausweg! Kenne aber keinen.

Selbstanalyse – Sofie’s Verlust

2. Oktober 2013

2.10.13

Seit Wochen nun vergeht kein Tag ohne dieses Wegrutschen in die unbeschreibliche Hilflosigkeit.
Und immer deutlicher bekam ich Signale, die von den Säuglingen stammen. Klar erschreckt mich das. Es ist und bleibt mir unverständlich, dass man als Mensch so weit zurückliegende Erlebnisse und Empfindungen neu erleben, erinnern kann. Ertappe mich immer wieder beim Abstreiten.
Trotz aller Schmerzen habe ich aber genau hingesehen, habe (und das tu ich heute noch) Situationen im Heute und meine unverständlichen Reaktionen darauf versucht zu begreifen.
Je mehr ich mich damit beschäftige, umso klarer werden für mich die Antworten.
Die Kleinsten kommen nicht klar mit der Trennung von ihrem Liebmensch.
Ich fand nun Passagen zur Säuglingsforschung:

„Die Erfahrung des eigenen Seins entwickelt sich aus der Erfahrung der gelebten Beziehungen.“ (P.Janet)

„So erfährt der Körper sich über den Körper des anderen, die Art und Weise von dessen Präsenz entwickelt die eigene!“

Bsp. „Wenn jede Vorhersagbarkeit der Reaktion für das Kind entfällt, reagiert es mit Schreien, dann mit allen Anzeichen von Vermeidungsverhalten, Fluchttendenzen und Panik und zuletzt verfällt es in einen apathischen Zustand der Nicht-Reaktion. Es stellt sich tot, reagiert nicht mehr.“

„Traumatisierung ist die Erfahrung von Hilflosigkeit, mehr noch: von Handlungs-Unwirksamkeit!“

Das Merkwürdigste von allem ist: Ich hatte diese Dinge im Fühlen von mir verstanden, noch bevor ich die Bestätigungen aus der Fachliteratur fand. Was mir sagt, ich bin auf einem guten Weg – den Weg des achtsamen nach Innen-Schauens, dem Weg der Selbsterkenntnisse.

Erinnere mich, Sofie entwickelte blitzschnell eine Präsenz, kaum, dass sie den „anderen Körper“/Mensch für sich gesehen hat, kaum, dass sie gelebte Beziehung fühlen konnte. Dieser Mensch war für uns ein Engel, für Sofie die ersehnte Mami.
Sie war plötzlich in uns so dermaßen oft draußen, es fühlte sich wie eine Neugeburt an, eigentlich wie eine Geburt an sich.

Sie durfte plötzlich in uns etwas sein. Wir fühlten uns alle plötzlich berechtigt, leben zu dürfen, sein zu dürfen.
Dass Sofie damit gleichzeitig ihr extrem schmerzvolles Fühlen über uns auskippte, brauch ich wohl nicht erwähnen. Aber je schmerzvoller es war, umso mehr nahmen wir die Bindung zu ihrem Engelchen an, umso mehr griffen wir nach diesem Halt.
Das war mir damals alles sehr schnell klar.

Und heute verstehe ich dann auch, warum ich seit Wochen so nah an der Grenze lebe, so nah am sterben wollen.
Die Ersterfahrung des Säuglings endete nun in gefühlter Ablehnung.
Ich kann versuchen wie ich will, ihr begreiflich zu machen, dass nicht sie abgelehnt wurde. Sie kann es nicht verstehen, was ich nun auch kapiere! Sie ist zu klein für diese Zusammenhänge, ihr Denken ist noch lange nicht so weit. Sie kann nur spüren, fühlen, reagieren … mehr nicht.

Und das alles durchlebe ich jetzt seit Wochen, ihr Leid, ihr sterben wollen.
Trost von uns kommt kaum an. Weil sie nicht wirklich mehr bei uns ist. Sie wollte ja woanders bleiben. Nur scheint es ihr nicht mehr gut zu tun, weil wir nicht mehr wirklich an sie rankommen.
Wir fühlen, was sie fühlt, aus uns herauskommend, aber von uns auf sie scheinen wir keinen Einfluss zu haben.
Muss eine Lösung finden, nur welche…?
Imaginär versuche ich es seit Wochen umsonst.

2006 Tagebuchaufzeichnungen

13. April 2013

Sofie           TEIL 1

Seit 30. Mai 2006 in der Rehaklinik

15.6.06

Nun geht die 3. Woche in der Rehklinik vorbei und ich bin im Moment beruhigt worden mit Tropfen und später noch Tavor.
Was gab es alles Neues?
Erster Austicker beim Stehen Rücken an Rücken mit einer Patientin. Erst war da Zittern, dann Tränen, später innerer Druck. Hab mich in einer halben Stunde wieder eingekriegt.
Der nächste erwähnenswerte „Knaller“ war in einer Gruppentherapie. Alle redeten von ihren lieben und netten Eltern und ich war nur damit beschäftigt nicht zu platzen. Dann ging nichts mehr, bin abgehauen. Dann gab es nur noch Zittern, Heulen und Angst vor jedem. So wurde ein Tag schlimmer als der Vorherige.
Gestern stand ich auf mit einer unguten Ahnung. Das steigerte sich und irgendwann wusste ich in einer Therapie, warum ich die Tür in meiner Nähe brauche. In mir war eine so extrem erwartungsvolle Angst – landete auf dem Bett der Eltern in der ersten Wohnung und starre auf die Tür. Und ich weiß, dass da was kommen wird, was mich momentan so unter Anspannung setzt. Angst vor dem Wissen, dass die Tür aufgehen wird und ich nichts dagegen tun kann. Etwas in mir weiß, was nach dem Eintreten passieren wird.
Und diese Angst davor verspüre ich so gewaltig, dass es mir den Atem zu nehmen scheint. Seit zwei Tagen versuche ich die Menschen zu meiden, weil ich nicht ertrage, dass sie mich in dieser Angst erleben. Und das ist genauso schlimm. Flucht in die Einsamkeit aus Scham.
Morgen ist noch mal die Therapeutin dran. Hoffentlich kann ich locker bleiben. Denn Susanne hat sich für 13 Uhr angekündigt. Will nicht, dass sie mich verwirrt erlebt. Aber ich freue mich schon sehr auf ihre Umarmung und wir gehen einkaufen. Morgen ist ihr 19. Geburtstag. Sie steckt mitten in den Prüfungen und findet Zeit für mich!!!!! AUFATMEN!!
Therapiethema “Imagination“:
Du sollst dir gedanklich einen sicheren Ort basteln, den du schnellstmöglich aufsuchst, wenn die scheiß Gefühle anfangen aufzusteigen. Ich hab mir diesen Ort gebaut, nahm Annegret und Mariechen mit,  tobte mit ihnen als 12 jährige auf der Gänseblümchenwiese rum. Dann standen irgendwann die zwei Jungen am Rand und beobachteten uns. Es stellten sich der Rebell und das Schlitzauge dazu. Sie kamen nicht auf die Wiese der Kleinen, als schienen sie nur zum Schutz dazustehen. Aber ich wusste, dass da noch viele Kleine fehlen. Sie weinen und wimmern im Hintergrund und ich kenne sie nicht.
Wie also soll ich in größter Not alle von uns schnell da hochziehen zum sicheren Ort, und andere vergessen? Und wer bin ich, die da unten bleibt und dennoch von den Gefühlen überschwemmt wird?
Die nächste aktuelle Frage in mir ist: Wer bin ich, wenn ich nach dem TOTMACHEN in eine Person rutsche, die kleiner ist als 12?
Will Hüpfspiele machen, Blümchen pflücken, mich auf der Wiese kugeln. Zu welchem Alter gehört das?? Hallo du da in mir, kannst dich ruhig zeigen und mir deinen Namen nennen. Bist nicht älter als 5, oder?? Und du hast genauso viel Angst vor den Menschen wie alle anderen in uns. Gute Nacht ihr alle. Seid in den Arm genommen.

20.6.06 Dienstagnacht

Da ist Mariechen, das aufgegeben hat. Sitzt in der Ecke – nur Tränen – kein Laut – es hört nicht auf. 3 Jahre alt und weiß keinen Rat. Irgendwann kommt der Rebell, stellt sich vor die Kleine und lässt nichts an sie ran. Ich liebe ihn dafür und hasse ihn. Er macht mich sprachlos, still und wütend. Sie muss nichts sagen, kann bleiben in Hoffnungslosigkeit. Er ist stumm und die Mauer. Ich bin beides – ich ersticke an der Hoffnungslosigkeit und krieg kein Wort raus.
Frau S. hat gesagt, ich solle mir Hilfe holen. Nur funktioniert es nicht. Kein Wort – kein Zulassen – heißt kein Schmerz dazu. Bin hierher gekommen, um da raus zu finden. Fliege hin und her zwischen Stummheit, Starre, Schmerz, Angst, Panik und Aufgeben. Hab so gehofft, hier ein „Rezept“ zu finden.
Alles ist anders und tausendmal schlimmer als zu Haus (versteckt in meinen vier Wänden).
Bekomme schon Panik, wenn eine Gruppentherapie ansteht. Millionen Auslöser, die ich zuhause nicht hatte. Renne rum wie ein Zombie, ertrage die Blicke nicht, kann mich nicht verstecken, und mache meine Tischnachbarn leise. Es ist so demütigend, wenn sie plötzlich leise sprechen, nicht mehr albern. Will eigentlich oft gar nicht mehr zum Essen. Will nur noch heulen und heim.

21.6.06

Rauche eine nach der anderen. Hab mich heute ausgeklinkt, muss zu mir finden. Irgendeine Ruhe entdecken. Hoffe ich. In mir ein Anflug von Wut und Verzweiflung. Im ersten Moment ist die angebotene Hilfe ja ganz nett: Eine Pille, die dich ruhigstellt. Aber das hätte ich auch zuhause haben können. Fühle mich hier wie umsonst. Fast jede Gruppentherapie löst Neues in mir aus, Ausruhen ist da nicht drin. Stehe wie in eine Ecke gedrängt.

Thema IMAGINATION: Wir sollen uns einen Lichtstrahl vorstellen, der von oben kommt und uns langsam ausfüllt. Also stehe ich auf einer Lichtung, stelle mir vor, wie das Licht schräg von oben kommt und  KLICK_ KLICK_

ich lande zuerst in „meinem Zimmer“. Da gibt es nur den einen Lichtstrahl – der, der unten durch die Türspalte fällt. Ich bekomme Panik, wie immer, wenn ich in diesem Zimmer lande.

Dann plötzlich ein neues KLICK_KLICK – das Licht, was ich auf der Lichtung sah, kam von oben und schräg.

BUMM – nehme ich um mich herum nur Dunkelheit wahr, ich kratze an einem Korbgeflecht, durch das etwas Licht dringt und habe nur noch Angst vor dem Augenblick, wo oben ein schräger Lichtstrahl auf mich fallen wird. Das Gefühl wie in einer Kiste, die oben aufgemacht wird und bei Licht kommt dann das Grauen.

Mittwoch, den 28.6.06

Die letzten Tage waren teilweise wie ein Horrortrip für mich. Musste mich weigern ins Tagebuch zu schreiben, um nicht noch tiefer in all den Sumpf zu geraten. Heute bin ich wohl etwas entspannter und versuche die letzten Tage zu rekonstruieren.
Nach 4 Wochen erst traut man sich mir zu sagen, dass die Reha nicht verlängert wird, weil man mir hier nicht helfen kann. Ich wäre am besten in einer echten psychiatrischen Klinik aufgehoben. Es kam zur Sprache, dass ich nicht mehr in die Schule kann.
Erst war ich am Durchdrehen, einen Tag später wurde mir klar, dass Susanne sich nun endlich selbst um Geld kümmern muss. Es wird wohl Zeit, dass ICH mich abnabele und was für mich tue. Vielleicht ist das der Anfang, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Zu etwas Gutem muss ich unbedingt was loswerden.
In einer Imagination bekam ich zum aller ersten mal in meinem Leben eine Ahnung davon, was die Menschen meinen mit: “Das Leben kann schön sein.“ Ich konnte mit Annegret, mit Mariechen, dem Rebell, dem Schlitzauge, den zwei frech lümmelnden Jungs und vielen anderen Kleinen im Gänsemarsch den Himmelsweg verlassen und die Sorgen, Ängste und Alpträume in Gepäckstücken zurücklassen. Da kam so tief in mir ein so extrem friedliches Gefühl auf – war wie im Taumel – ich kannte so ein Gefühl noch nicht. Wollte es festhalten und nicht mehr loslassen.
In derselben Nacht noch saß ich oben im Raucherraum und die Tränen liefen ohne Pause. Mir wurde bewusst, dass ich 44 Jahre so ein Gefühl nicht kannte. Und es kam Wut auf meine Mutter und unendlich große Trauer.
In dieser Trauer kam plötzlich (ich weiß nicht mehr wer) einer von meinen Süßen auf mich zu und legte mir den Säugling in den Arm. Ich roch ihn und fühlte seine kleinen Händchen. Und das Mädchen schmiegte sich an mich – irre schön. Dann plötzlich passierte etwas in mir.

Ein unendlich schlimmes Gefühl kam in mir hoch und ich begriff, dass sie mir etwas erzählen wollte. Aber ich war allein und hatte einfach nicht die Kraft dazu. Also drückte ich sie ganz fest an mich und versprach: „Später!“ Ganz fest an meinen Hals geschmiegt konnten wir zusammen schlafen gehen. Und ich bemerkte die Not in mir. Also ging ich zu jedem einzelnen in mir und drückte sie. Ganz eng, wie auf einen Haufen, aneinandergeschmiegt schliefen wir zusammen ein.
So verging das Wochenende und der Tag Montag mit der Nachricht, dass man mir hier nicht helfen kann.

Gestern, am Dienstag, lege ich mich zu einem Schläfchen vor dem Abendessen noch einmal hin, und sofort war sie wieder da. Ich lag auf dem Bett und fühlte, wie das Baby langsam an mir hochrutschte bis zu meinem Hals. Dort schien es sich wie eine Katze ein zu kringeln.
Und dann war ES plötzlich da. ES, was ich nicht begriff. Immer wieder machte ich die Augen auf, weil ich dachte ich spinne. Kaum waren die Augen wieder zu, kamen die zwei Bilder wieder und wieder.
Ich schaffe es jetzt nicht, sie auszusprechen. Habe versucht mit einer Krankenschwester die Bilder in einen Tresor zu legen. Scheint geklappt zu haben, irgendwie. Sie kommen zwar immer wieder vor meine Augen, aber ohne Emotionen. Bin ich total verunsichert. Kann es wirklich sein, dass mir ein Anteil seine Erinnerung gesagt hat? Spielt meine Fantasie verrückt??
Doch wie komme ich auf solche Bilder?? Vielleicht spinne ich nur auch.

Ich denke nämlich daran, dass die anderen Bilder bisher so kamen, als würde ich aus meinen Augen sehen, oder von außen drauf.

Jetzt aber ist ein Bild aus der Sicht des Täters dabei. Wie geht das?

So etwas will man nicht sehen, nicht fühlen und erst recht nicht wissen.


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