Archive for the ‘Mein Innenkind Marie’ Category

Mariechen erzählt ! 2005 Und die große Wucht !

2. Januar 2013

Fett gedrucktes ist das Erleben von Marie (2-3 Jahre  höchstens)

Ich möchte allen Lesern sagen, dass ich nie in meinem Leben eine Hypnose gemacht habe.
Traumatherapie benutzt diesen Mist gar nicht.

2005

Meine Traumatherapeutin sitzt an meinem Kopfende, ich liege auf dem Sofa. Sie bittet mich, in Gedanken an einen wundervollen Ort zu gehen und diesen dabei ihr zu beschreiben. Ich schließe die Augen, laufe in Gedanken über eine Wiese.  Je weiter die Therapeutin fragt, was ich dort alles so sehe, um so mehr kann ich alle umgebenden Geräusche aus der Praxis und von der Straße ausblenden.
Irgendwann in unserer Unterhaltung lande ich in irgendeiner versenkten Erinnerung und berichte natürlich darüber.

Aufzeichnung für meine Psychologin nach der Sitzung am 5.April 2005

In der Therapiesitzung von mir erinnert:

Ich sehe unsere erste Wohnung in der Fröbelstraße. Dort lebte ich bis zur 1. Klasse.

– der Flur ist zu klein für zwei Personen – rechts ein Minibad – geradezu das Wohnzimmer (auch klein) –
gerade da hindurch geht auf der rechten Seite das Kinderzimmer ab – auf der linken Seite das Schlafzimmer
– in der Kinderzimmertür stehend, sehe ich auf die sogenannte Kochnische (klein wie eine Speisekammer)
– so muss der Kühlschrank mit im Wohnzimmer stehen.

Das Schlafzimmer: braune, groß gemusterte, hässliche Tapete, rechts ein Wäscheschrank, geradezu das Fenster, links die  Ehebetten. Die Deckenlampe- 5 oder 6 flammig –Milchglas.

Scheiße, Tränen, zu viele Fehler, kann kaum tippen. Zurück zur Therapie, welches Bild da in mir hoch kam:

Sitze auf dem Bett in diesem Schlafzimmer, ans Kopfende gedrückt, mit angewinkelten Beinen, die ich umklammere. Bin noch so tappsig – merke –bin2 bis 3 Jahre alt höchstens.
Tausend verschiedene Gefühle:
Angst steigt auf – ob ich will oder nicht, ich muss warten – ein Weglaufen gibt’s nicht – warum ist Mutti nicht da? – Einsamkeit immer mehr – gleich wird’s wie immer – mir wird schlecht – Aussichtslosigkeit – machtlos – der Blick auf die Tür (noch bin ich allein) – ich will das nicht – bin wie schwerelos –verstecken – Übelkeit immer mehr – muss die Beine fester anpressen, dann kommt keiner ran – Mutti, wo bist du?
Starre wie gebannt auf die Tür – da wird das große Schwarze durchkommen.
Schwarz: das Schlimmste auf der Welt, die Wucht, das Unbeschreibliche, das jeden auffrisst.
Man kann’s nicht sagen, sonst wird der Zuhörer auch gefressen. Kann keiner aushalten. 

Breche bei der Nachfrage zur WUCHT das Therapiegespräch ab, habe Angst! Ein Junge verhindert weiters Erinnern, tut so weh..bin kurz vor einer Ohnmacht.

22. Mai 2005

Irgendwie habe ich keine Lust, über die letzte Sitzung am 5.Mai Notizen zu machen. Soll ich aber. Buh, in mir sperrt sich was. Da steckt Angst drin, weiß ich.
Wenn ich vergangene Woche versucht habe, mir die ganze Sitzung in Erinnerung zu bringen, dann funktionierte das nicht. Ich versuch’s einfach jetzt, soweit wie es geht.
Es ging auch um den Strudel, den ich immer wieder zeichnete. Er ist für mich ein altbekanntes Gefühl, wenn ich nicht mehr die Kontrolle über mich habe.

Im Schmerz passiert folgende Reihenfolge:
Im Brustraum steigt ein enormer Druck, steigt und steigt, nimmt mir fast die Luft. Ich empfinde den schwarzen Strudel, der nach mir greift und immer stärker mich in das Schwarze zieht – nach Innen – in mir- ein schwarzes Loch – der Druck steigt im Brustkorb – mein Körper fängt an zu zittern – scheine fast zu platzen. Dann – die Zeitdauer ist verschieden – fängt mein Körper sich an aufzulösen.
Was nun passiert, habe ich begriffen als Technik, die ich entwickelt habe und nicht beeinflussen kann.
Ich sehe jetzt einen Strudel, der mir hilft. Ich tauche in den Strudel ab, der mich entführt und beschützt.

In Gedichten erwähnte ich ihn unbewusst als „Kreise, die sich öffnen und mich rein lassen“, „bodenlos“ dann bin ich an einem Ort, den ich in Gedichten beschreibe: „Vergraben“, „Einfrieren“, „Raum voll Stille“, „im Grab“, „die Tiefe“, „bedeckt, meterhoch“ usw.

In diesen Momenten angekommen, beginnt das eigentliche Problem meines Alltags.
Diese Tiefe bedeutet, dass ich mich in meiner Wohnung verstecke, jeglichen menschlichen Kontakt meide – und das über Tage und manchmal Wochen. Weiß, dass dieser Rückzug nichts mit meinem Heute zu tun hat. Weiß, dass es der Schutzmechanismus aus der Kindheit war. War innerlich wie abgestorben und nichts konnte an mein Fühlen ran- war einfach unverwundbar- weil ich tot war. Dies geschieht heute noch, obwohl es real keinen Anlass gibt.
Aber ich kann diese Gefühle nicht steuern und beeinflussen. Sicher habe ich gelernt, mich abzulenken. Ich beschäftige mich mit Dingen, aber das Gefühl ist da, nur nicht so akut, dass ich mir den Tod als Erlösung wünsche.
Kaum liegt die Beschäftigung, steigt der Druck in der Brust an und Angst geht wieder los.

Hab mich gefragt, warum ich ein Gedicht von 1983 beginne mit: „Dein Gewicht lähmt mich, dein Flüstern zwängt mich ein…“
Finde heute, dass genau diese Worte das Gefühl des Zerplatzens beschreiben.

Nun zum Thema „WUCHT“.
Das ist mein Ausdruck für den extremen inneren Druck, den ich bildlich immer empfinde. Es ist riesengroß, schwarz, kommt in einer Bewegung auf mich zu, obwohl es im Inneren passiert. Dieses Schwarze ist für mich so extrem bedrohlich, dass ich unbewusst weiß, dass die Wahrheit dahinter nicht auszuhalten ist.
Es ist die Wucht für mich, nicht zu bremsen, weil ich mich dem so hilflos ausgeliefert fühle.
Und ich weiß, dass dahinter steckt, dass ich mich nicht wehren konnte.
Auf dem Sofa liegend wurde ich also am 5. Mai von meiner Psychologin befragt, was hinter dieser schwarzen Wucht ist.

Im selben Moment war da …
in mir ein Durcheinander – die Kinderschar war wieder da – und sofort kam vom 17 jährigen Jungen  „Halt’s  Maul!“ in einem so bestimmenden Ton, dass sofort Ruhe war.
Die Kinderschar versteckte sich hinter ihm, und er stand da – frech, triumphierend und diesmal mit einem „Halt’s Maul!“ zu mir.

Erst war ich erschrocken, dass dieses Chaos in mir wieder da war.
Dann war ich erleichtert, weil ich spürte, dass der Junge auf die Kleinen aufpasst.
Also, alles in Ordnung. Ich fügte mich seinen Worten und wollte nichts mehr über die Wucht sagen.
Was heißt wollte?  Es war alles weg …kein Empfinden mehr da….innen wie tot!
Gut so….ich fühlte mich wieder sicher.

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Marie (Teil 2)

1. Januar 2013

18.10.12

Eine Situation heute in der Tagesklinik hat mich an meinen jahrzehntelang immer wiederkehrenden Albtraum erinnert, aus dem ich stets weinend oder schreiend erwachte:

Die Lampe über mir, an der Decke hängend, wird größer und größer, bewegt sich auf mich zu.   Ich habe das Gefühl erdrückt zu werden   …    als wenn ein Daumen mit hin und her drehenden Bewegungen, eine Eintagsfliege zerquetschen würde. In mit tobt die Hölle, ich ersticke.

Vor einigen Jahren konnte ich für mich diese Lampe identifizieren.
Es war die Eltern- Schlafzimmer-Deckenlampe in unserer ersten Magdeburger Wohnung (0-6 Jahre).
Dann findet sich in meinen Gefühlen der Zusammenhang zu dem BILD, das mich verfolgt:

Wie ich, höchstens 3 jährig auf dem Ehebett der Eltern mit angezogenen Beinen sitze, warten muss (grauenvoll dieses WAAAAAARTEN) und die Angst sich bis ins Unermessliche steigert, weil ich weiß, dass dann die “Wucht” kommt, das nicht Aushaltbare, aus dem mich niemand retten wird.
Das Schlimme für mich ist, dass ich auch heute wieder in diese “Situation” rutschte mit all den Scheißgefühlen.
Und ich kann nichts dagegen tun…..seit Jahren….außer: mit riesiger Kraftanstrengung aus mir selbst verschwinden, mich zur toten Hülle machen.
Das Entsetzen bleibt…..die Lauer-Stellung auch…..aber ich muss nichts mehr von außen wahrnehmen. Bin nun so kraftlos, als hätte ich 12 Stunden Dauerlauf hinter mir.

27.11.12

Mariechen (2 bis 3 Jahre) hat mir heute ihre Unterleibsschmerzen gegeben.

Hä? Fragt ihr euch?

Nun, für mich ist es eine kleine Sensation.

Zum Einem erst Mal, weil ich in diesen Schmerzen nicht dissoziierte.
Ich blieb, hatte die Schmerzen und fühlte das Entsetzen eines Erwachsenen. Entsetzen darüber, wie es möglich sein kann, dass das kleine Wesen so etwas ausgehalten hat. (das ist die Sache: auf dem Bett sitzen und in Angst warten) Der erste Weg dann war zur Toilette, weil unten rum alles nass war.

Sensation Nummer 2: Das „Bild“ (so nenne ich Erinnerungen, die ich selbst nicht glauben will) wird immer vollständiger.
Waren da Jahre nur das visuelle Bild und die körperlichen Angstreaktionen, die die Kleine vor dem „Geschehen“ erlebt hat, scheint mein Gehirn nun nach und nach immer mehr frei zu geben. Heute also der Schmerz während oder danach, keine Ahnung.
Ehrlich gesagt, wünsche ich mir, endlich auch zu sehen, wer in dieses Zimmer kommt und Marie das antut.

Möchte notieren, wie es also heute dazu kam, dass Mariechen mir etwas mehr mitteilte.

Es gibt Entspannungsübungen, die man machen kann um sich selbst etwas runter zu fahren, um sich im stressigen Alltag gedanklich auszuklinken und sich in seiner Fantasie an einen Ort zu begeben, der einem ein Wohlgefühl verschafft. Ihr kennt das alle ähnlich: Im totalen Stress wünscht man sich z.B. an einen menschenleeren Strand. Wer dieses Wünschen aber bewusster macht, sich dafür ein paar Minuten Zeit nimmt, erfährt an seinem Körper ein Wonnegefühl, sammelt Kraft und kann sich wieder auf die Arbeit stürzen.

Zurück zu mir.
Da ich in mir so Einige bin (13 sind wir), gehen wir natürlich stets zusammen an diesen Ort.

Heute waren wir in einem wundervoll schneebedecktem Gebirgswald.
An meiner Brust steckte in einem Tragetuch Sofie, warm verpackt in meinem Anorak, auf dem Rücken war mein Wonneproppen Annegret. Ich hatte also beide Hände frei für Marie.
Außerdem war neu, dass Rebell, Schlitzauge und die 2 Jungen heute nicht Wache schieben mussten. Sie haben mitgetobt, weil Elfen zum Schutz da waren, die uns mit dem Gummischlauchschlitten dorthin gebracht hatten.
Ich sag euch, es war so ausgelassen das Toben, herrlich.
Mariechens Wangen glühten regelrecht unter ihrer dicken Mütze, und ein Strahlen war in ihren Augen, denn sie hatte meine volle Aufmerksamkeit. (Die anderen Kleinen tobten ohne meine Hilfe.)
Und bumms, gab Marie mir die Schmerzen….einfach so, weil wir uns nah waren, sie Vertrauen hatte.

Leute, guckt jetzt nicht blöde, aber man muss wissen,

dass sich Marie mir damals als ein völlig verschlossenes, ja abweisendes Wesen zeigte, tieftraurig mit abgestumpften Augen.

Sie wollte nicht von uns berührt werden, drückte sich nur in den Ecken rum, vermied jeden Kontakt. Mit den Jahren erst und mit meinem eigenen Bemühen um sie, fasste sie nach und nach immer mehr Vertrauen.
Parallel dazu übergab sie mir immer mehr ihren tiefen seelischen Schmerz.

Mittlerweile weiß ich, dass die inneren Kinder den Schutz, den Trost und den Halt von der erwachsenen Kathrin brauchen um mir ihre erlebte Geschichte anvertrauen zu können. Und das ist ein erlebter jahrelanger Prozess.
Na ja, stellt euch doch mal vor wie schwer es ist, eine innere Akzeptanz dafür zu finden, dass da noch jemand ist, in einem drin!
Und dann noch der eigene Lernvorgang, dass man nur selbst und kein anderer Mensch dieser Erde dieses kleine Wesen trösten kann, annehmen und ganz besonders auch ernst nehmen, denn irgendwie ist dieses verletzte Seelchen ja schließlich ICH. Auch dafür habe ich Jahre gebraucht, schmerzliche!

Fakt ist also folgendes Zusammenspiel und für diese logische Höchstleistung kann man das menschliche Gehirn nur loben:

Je ausgeglichener, kräftiger und realistischer ich, die Große (weiß eh nicht, wer das nun genau ist…aber egal) gerade im Leben stehe, umso mehr kann ich verkraften, logisch.
Und deshalb entscheidet das Gehirn:

„Los, raus mit dem nächsten Puzzleteil, sie schafft das schon!“

Es schließt sich der Kreis mit der Tatsache, dass ich fähig bin auszuhalten und gleichzeitig Trost zu spenden. Irre und gleichzeitig toll, oder?

Und heute war so ein Tag, an dem ich ziemlich erwachsen war, also „empfangsbereit“ für den nächsten Hammer!
Ich bin ziemlich stolz, dass ich wirklich im Heute geblieben bin.
Hab Mariechen in den Arm genommen und sehr lange gehalten. Glaubt mir, ich habe ihre Erleichterung gespürt.
Auch die anderen von uns waren sofort bei Marie und trösteten mit. Ich kann euch sagen, dass ich immer mehr innere Erleichterung spüre, je mehr wir alle zusammenhalten.

Es hat mich zwar schockiert, dass diese jahrelange “Ahnung” vom sexuellen Missbrauch so nun als Fakt wahrscheinlicher wird (Echt mal, wer will denn so eine Scheiße über sich glauben? NIEMAND!), aber…was raus muss, muss eben mal raus. Punkt und fertig.

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