Archive for the ‘eigene Therapieerlebnisse’ Category

Meine Meinung zur Therapie

3. Dezember 2016

Brief an die nun Ex-Psychologin

27.10.16
Sehr geehrte Frau …..

am 17.10. war die letzte Therapiestunde (von der REHA nach Hause gehetzt…Stress…nur 40 Minuten Zeit zum Frischmachen nach dem Sport, und Umziehen…keine Zeit zum Essen -in Reha gibt es keine Mahlzeiten -……losgehetzt zum Therapietermin.)
Fazit bei Ihnen: 16:30 Termin, aber 18:10 beginnt unser Gespräch! Glauben Sie mir, das will niemand erleben.
PS: Woher wollen Sie eigentlich wissen, ob der Mensch nicht noch vor 18 Uhr in ein Brotgeschäft möchte o.Ä. ?????????
Einen Tag später bin ich nervlich zusammengebrochen. Ich fasse zusammen, was alles passierte im Innen, summiert aus den letzten Wochen. Die Erkenntnis entsetzt:
Ich war wochenlang nur im Kind, sonst hätte ich mich eher gewehrt zu vielen Dingen.
Nun muss ich endlich anfangen, Selbstfürsorge zu betreiben.
Darum Folgendes:
Thema WARTEN!
Ich hatte über diesen Extremtrigger berichtet, sogar noch einmal nach dem Klinikaufenthalt. In den Unterlagen, die Sie von mir haben, sind außerdem Texte dazu.
Zusätzlich habe ich davon berichtet, was die Themen ZEIT, Termindruck, Stress bei mir auslösen. Wie sehr ich Zeit gar nicht einordnen kann, weil sie mir „rausfällt“, dass ohne etliche Kalender gar nichts gehen könnte – was mich dennoch völlig konfus macht, Druck erzeugt.
So setze ich mich tw. dem Zeitstress aus, um pünktlich bei Ihnen zu sein, aber Sie…………………….

Was ich heute dazu denke?
Ihnen ist es völlig Wurst!

Nur zwei Mal kam ich zur Terminzeit in das Zimmer….musste mich dort aber – wie immer – dem Warten aussetzen 15-20 Minuten. Sonst ist die Wartezeit (Flur plus Zimmer) im Durchschnitt 50 Minuten. Benötigen Sie hinterher noch etwas aus dem Büro, verschwinden Sie darin erst einmal 10-20 Minuten, ehe was passiert, und lassen mich wie ne Blöde davor warten.
Mal abgesehen davon, dass ich getriggert werde auf höchster Stufe, unterstelle ich Ihnen mittlerweile Absicht, weil ich der Meinung bin, dass ein gebildeter Mensch wie Sie weiß, dass so etwas extrem unhöflich ist. Ich unterstelle Absicht, es zu genießen, jemanden schmoren zu lassen.
Und bevor Sie jetzt Einwände bringen wollen zu Ihrer eigenen Selbstfürsorge/Abschalten…..erst einmal sind Sie verantwortlich für das Wohlergehen der Kunden, oder? Und glauben Sie mir auch, kein Mensch will sich erst 20 Minuten in Ihrem Gesprächszimmer „einrichten“, keiner! Es dient nur Ihnen!
Fakt ist:
Sie gehen mit meiner Lebenszeit um, wie Sie wollen, ohne Rücksicht darauf, dass ich ja noch andere Pläne hätte für die Zeit nach dem Therapiegespräch. In diesem Punkt fühle ich keinerlei Respekt gegenüber mir als Person.

Unter welchen Umständen könnte ich die Therapie fortsetzen? Ich spare mir die Mühe, weitere Ursachen zu benennen.

°Ein Termin ist für mich (und 99,9% der Bevölkerung) bindend. Aus Höflichkeit würde ich zukünftig bis zu 30 Minuten Wartezeit in Kauf nehmen. Aber nur als Summe von -im Flur u. im Zimmer.
Sollten Sie 35 Minuten vor unserem gemeinsamen Termin bemerken, dass Sie die Zeit nicht einhalten können, dann bäte ich um eine SMS z.B. „Bitte kommen Sie 40 Minuten später.“ Hierbei lieber übertreiben, falls doch noch irgendetwas länger dauert. Das wäre doch machbar, oder?
Ich denke mal, die ist ein ganz menschlicher, normaler Wunsch.

°Ich würde mir nicht mehr vorschreiben lassen:

(ich benutze dieses Wort „vorschreiben“, weil Sie sehr fordernd sind.)

– dass ich ein Glas hinstelle, selbst ohne Durst (wenn Sie es für sich wichtig finden, dann machen Sie es)
– wann ich mir Tränen abwischen soll (ich bin höflich, und putze mir den Rotz weg. aber ob ich mir stundenlang im Gesicht rumwischen will, entscheide ich. wenn Sie Tränen nicht aushalten, also ich weiß nicht……!)
– welche Formulierungen ich benutze……..denn:

Wie ich empfinde – ob ICH oder WIR – ist meine Sache.
Wenn Sie mir ein WIR verbieten, dann verbieten Sie mir mein ureigenstes Identitätsempfinden. Wenn ein Kind aus mir heraus spricht, dann traut es sich etwas, nämlich Outing vor Ihnen. Anstatt dies zu würdigen, zwingen Sie mich, dieses Kind wegzudrücken, und eine Ältere von uns reden zu lassen.

Wissen Sie, was ich glaube?
Theoretisch ist Ihnen klar, was mit einem Gehirn so passiert in seiner Entwicklung. (Bisher gaben Sie mir wirklich gute Tipps im Umgang mit den Kleinen.)
Aber in der Praxis ist es für Sie Hokuspokus/Blödsinn. Sie sagen: „Das sind ja alles auch Sie.“ Ja, in der Praxis des Körperlichen…da sitzt nun mal nur 1 Frau, und die ist auch noch alt.
Aber Ihre Bemerkungen zu meinen Formulierungen zeigen eindeutig, dass ich so wie ich bin und bei Ihnen Hilfe ersuche…., dass ich SO nicht willkommen bin.
Sie drücken mir etwas auf, was ich nicht bin.

Die misshandelten Anteile, die Ihnen von sich berichten könnten, sind nicht willkommen.
Im Gegenteil, es sind ja eigentlich nur…“alles Ich“……….!
Um andere Menschen nicht zu erschrecken, habe ich mir mit den Jahren angewöhnt von Anteilen zu sprechen. Denn dies kann ein Normalo verstehen, irgendwie. Dass es sich aber in Wahrheit um eigenständige Meinwesen handelt, dass ließe sich kaum erklären. Meine öffentliche Wortwahl drückt also nicht die Wahrheit aus.
Ich hatte von Ihnen erwartet, dass Ihnen dies klar ist.
Jetzt kristallisiert sich aber raus, dass Sie nicht alle von uns willkommen heißen.
Sicher würden und werden Sie jetzt therapeutische Erklärungen dazu abgeben wollen, Ziele usw.
Kann ja alles schön und gut sein.
ABER:
Sollten Sie mich nicht erst einmal respektieren, wie ich es glaube zu sein?
Ist das nicht die wichtigste Voraussetzung, um eine Vertrauensbasis herstellen zu können?

Willkommen sein mit allem Drum und Dran?

Nein, bin ich nicht!!! (Puh, strengt an, die ICH-Form einzuhalten. Alle gehen auf Widerstand. Jeder Einzelne fordert selbst von mir seinen Respekt ein.)
Sie ahnen vielleicht, was in den Therapiestunden abgegangen ist an Misstrauen, Enttäuschung, Verzweiflung, Retraumatisierung. Ich habe alle jedesmal neu hingeschleift, anstatt auf meinen Bauch zu hören, die innere Not.

Wahrscheinlich brauchte ich den Zusammenbruch am 18.10., um endlich nach Innen zu horchen, um endlich zu erkennen, was wir wirklich brauchen!

Die Akzeptanz, den Respekt!

Wir könnten die Therapie bei Ihnen nur weiter machen, wenn alle von uns willkommen sind!
Und wenn uns nichts mehr vorgeschrieben wird.

Weiter entwickeln und verändern kann sich unser Gesamtsystem nur mit Verständnis und Geduld, in unserem ureigensten Tempo, ohne Zwang. Es geht nur, wenn alle von uns einverstanden sind.

Momentan denke ich, dass Sie eben sind wie Sie sind. Ist ja okay. Nur eben nicht passend für mich. Ich muss darauf achten, was mir gut tut, ich brauche Respekt.
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Gerade habe ich keine Lust mehr auf Therapie.

Unterschreiben tut hier jeder
im Sinne seiner Bekräftigung!
Ich mach es im Sinne aller.

PS: (2 Tage später)
Ich mache keine weitere Therapie!

Endlich im HIER und HEUTE

18. November 2016

18.11.16 aus dem Tagebuch

Es ist still geworden in den letzten Tagen.
Nach so viel Aufruhr, so viel Stress und Angst haben sich in mir Einige aufatmend in die Ecke gelegt. Sie müssen nicht mehr WACHEN, nicht mehr auf halb-Acht-Stellung sein.
Der letzte Therapeutenbesuch war nicht leicht: Jemanden ins Gesicht zu sagen: „Ich gehe hier jetzt weg, weil ich mich selbst schützen muss! Außerdem zollen Sie mir keinerlei Respekt.“ (sie ließ mich 20 Minuten schmoren, obwohl niemand weiter in der Praxis war) Wow, ich habe es geschafft! Nur zwei Minuten dauerte die „Therapiestunde“. Brief übergeben, mein Buch geschnappt und weg war ich.
Da war dann erst einmal ein großes schwarzes Loch, aber ich glitt nicht wie sonst hinein. Es scheint, als ob es bis ins Innerste angekommen ist, dass wir uns selbst etwas wert sein müssen. Ich kann wieder etwas besser schlafen, und ich widme mich dem Basteln, Nähen und Stricken……Dinge, die mich runterfahren! An eventuelle Ängste im Morgen, Übermorgen…denke ich nicht. Ich lasse mich treiben im Heute und spüre, dass dies genau das Richtige momentan ist! Kein „Oje, was wird sein!“. Einfach nur Dinge tun in diesem Moment, die mir Spaß machen.

Leute, habs noch gar nicht erwähnt. Ich freue mich riesig drauf, auch wenn es ziemliche Aufregung verursacht: Ich werde im Rahmen eines Weihnachtskonzertes in einer ausverkauften Kirche Lyrik von mir lesen. Macht mich nervös….in so einem Rahmen! Aber: Juchuuuuuu!

Die Therapie erkläre ich für beendet

28. Oktober 2016

Grübeln, denken, grübeln…..und dann folgender Schluss:

Egal, ob ich wieder fast zwei Jahre ohne Thera dastehe, ich werde mit dieser Frau nicht weiterarbeiten. Sie bekommt einen zweiten Brief, in dem zwar von “ wie es wäre weiterhin“ die Rede ist, aber mein Entschluss steht fest. Ende, finito.

In der größten Krise Anfang des Jahres war ich froh, dass sie mich als „Kundin“ nahm. Mir ging es so mies, dass ich alles hinnahm, eher nichts wahrnahm, nur um eine Anlaufstelle zu haben.

Was ist nun anders? Ab heute darf ich es mit Erlaubnis der Tochter in die Welt hinausrufen: Ich werde im Mai Oma. Fühle, dass es nichts Besseres gegen den Todeswunsch gibt, der mich laufend überfällt. Nun ist es umgekehrt, ich darf auf keinen Fall vor der Geburt schlapp machen, naja, danach auch nicht! Möchte meiner Tochter eine Stütze sein.

Schon verrückt dieses Mutter-sein. Es hat mich damals davor bewahrt, dass die Vergangenheit sich vordrängelt. (den absoluten Crash gab es erst beim Auszug der Tochter zum Studium) Allein lebend kam der Scheiß erst hoch. Nun aber flutsche ich wieder in die Mutterrolle…..in mir drin ist etwas anders, ich fühle mehr Kraft. Ha, vielleicht, weil es nicht um mich geht. Egal. Was ich eigentlich sagen wollte:

Nichts ist eine bessere Festung gegen die extremen Depressionen als dieser neue Umstand. Das macht mir Mut, ohne Thera auszukommen. Erst einmal. Werde später weiter sehen.

Euch jedenfalls allen nochmal Danke für den Zuspruch und die Kraft, die ihr mir gesendet habt.

Kann sein, dass ich den Brief an die Thera noch ins Netz stelle, damit ihr seht, was da wirklich los war.

Heute wäre Therapie gewesen

26. Oktober 2016

Ihr wartet bestimmt auf ein Resultat.

Vorhergesagt:         ~ 50 Minuten vergehen ab Terminzeitpunkt und Beginn des Therapiegespräches im Durchschnitt! Von 22 Stunden brauchte ich genau zweimal nur 15 Minuten warten. Das ist doch was, oder?

Letzte Woche musste ich sage und schreibe 90 Minuten warten. Und ich Trottel hab es auch getan.

Heute habe ich mir nur 30 Minuten als Limit gesetzt. ( hatte einen Tag vorher per SMS um Mitteilung gebeten, sollte sich wieder was verschieben….Aber es kam keine Verschiebe-Nachricht von ihr) Den geschriebenen Brief hatte ich dabei, war aber doch so drauf, ihr die Dinge und noch mehr mündlich zu sagen. Dazu kams nun nicht. Ich zählte die Frist runter, das könnt ihr glauben, jede einzelne Minute.

Tja, dann ich schrieb auf den Umschlag wie lange ich gewartet hatte, steckte ihn in die Türritze und weg war ich.

Fühle keine Wertschätzung, wenn man mit meiner Zeit macht, was man will. Bin noch immer geladen, und das nun schon genau ne Woche lang.

Will mir für die nächsten Tage vornehmen, den Gedanken an die Thera weit von mir zu schieben.

Danke nochmal für euren Zuspruch, hat gut getan!

Ist es die richtige Therapeutin?

23. Oktober 2016

Irgendetwas stimmt nicht, wenn ich nach einer Therapiestunde, kaum Zuhause, zusammenbreche. Mir ist an der Therapeutin aufgefallen:
Immer sitze ich trotz Termin noch eine Stunde im Wartezimmer….so viel zum Thema, dass WARTEN einer meiner größten Trigger ist.
In wirklich jeder Stunde beschwert sie sich über mein Verhalten.
„Winken sie nicht ab, ich wollte auch was dazu sagen!…Die Kleinen sollen sich hier raushalten, sich nicht äußern. Das übernehmen sie als Erwachsene! …Sie denken nach, anstatt mir zu sagen, was genau in der Sekunde durch ihren Kopf geht, oder was in ihrem Körper passiert! So geht das nicht!“ ….usw.
Sie wirkt oft beleidigt, tw. wütend.

In meine Sprache übersetzt: Ich bin nicht so, wie sie mich haben will.

Halleluja! Das Schlimmste aber: Auch wenn sie mir das Gefühl vermittelt, sie verstehe die Zersplitterung in mehrere Anteile…aber mit den Anteilen zu arbeiten lehnt sie ab! Sie meint immer: „Die anderen, das sind ja in Wirklichkeit sie!“ Daraus höre ich, dass eine wirkliche Akzeptanz der Anteile nicht da ist. Ja wie soll denn Therapie gehen? Ich sitze da, und versuche alles zu kontrollieren, um der Thera gerecht zu werden. Schätze, dies ist genau der falsche Weg. Da baut sich Druck und Anspannung auf, und Vertrauen entsteht gar nicht erst. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Alles dazu habe ich ihr schon gesagt, aber….nichts ändert sich. 21 Stunden sind nun um. Mit ihr einen Neuantrag stellen? Was sagt ihr?

Es ist der Selbsthass…

13. September 2016

…der mich so dermaßen am wirklichen Leben hindert!!!!

Sitze über „Hausaufgaben“, da kommt so vieles hoch, da tut so vieles weh.

 

image
M. Huber

Ich habe die Impulse nicht, dafür aber umso mehr den Selbsthass.

Habe so hart zu kämpfen mit Selbstwert, Nähe zu Menschen, und dem Kampf gegen die Verbote der Introjekte, mir mal etwas Gutes zu tun, einfach nur mal so meinen Bedürfnissen zu folgen.

Nachdenken über eine Therapiestunde

30. August 2016

Ich beschreibe der Therapeutin eine kürzlich erlebte Situation, zu der mein logischer Gedanke erwachsen und angemessen war, mein Fühlen aber völlig unangemessen; wie ich diese Diskrepanz wahrnehme, aber nichts ändern kann. Ich erkläre den entstehenden, schon länger bekannten Kreislauf: Verzeiflung darüber – entstehende Wut über meine Unfähigkeit nach so vielen Therapiejahren – Selbsthass.

,Ob ich denn überhaupt Therapie machen wolle, klingt mit meinen Ausführungen nämlich nicht danach.‘ Ojeeee, alle hören mit, Chaos entsteht. Es braucht fast 20 Minuten, bis wir verstanden haben, worum es der Thera eigentlich geht.

Eine Zusammenfassung für mich wäre die:

Gerade das Auseinanderklaffen von Denken und Fühlen macht meine Störung aus. Wut auf mich zu haben, wäre gleichzusetzen Wut auf die Innenkinder. Ich missachte, bestrafe sie, anstatt sie in ihrem Fühlen anzuerkennen, ihnen Trost zu geben. Ich retraumatisiere sie eigentlich.
Mein Weg sollte sein: Anerkennung (endlich mal wirklich) der Diagnose und damit der Therapienotwendigkeit, daraus erst könne erwachsen, keine Wut zu entwickeln, keinen Selbsthass. Mit mir selbst liebevoller, verständnisvoller umgehen; und endlich mal anfangen, wirklich alles auszusprechen, was in meinem Kopf rumgeht…..und das für mich schlimmste: der Thera ruhig zeigen, was an Fühlen in mir abgeht……….ojeeeee…..
Genau das kann ich noch immer nicht richtig. Bin die meiste Zeit der Stunde am Unterdrücken – bloß nichts zeigen – viel zu peinlich, was da aus alten Zeiten jammert….
Seht ihr…schon das Wort JAMMERN drückt Missachtung aus,
….und obwohl ich meist weine
(also nicht weinen an sich, sondern da laufen einfach die Tränen ohne Pause, ich verziehe das Gesicht nicht, kann das Laufen kaum beeinflussen),
unterdrücke ich das wirkliche Fühlen, das Gesamte. Noch immer habe ich Angst vor der Wucht, die aus mir rausbrechen könnte, eine unkontrollierbare Wucht an Gefühlen, aufgestaut, angesammelt in den Jahren. Die Wucht, die sich in Ansätzen schon im EMDR gezeigt hat, wo ich schrie und weinte und schrie, nichts mehr um mich herum mitkriegte. Darum wehre ich mich gegen so ein Fühlen, weil es kaum auszuhalten ist.
Für heute genug, kann nicht mehr.

PS: Ich bemerke, dass ich oft beim Schreiben mich distanziert, oder kalt ausdrücke in abgehackten Sätzen, scheinbar emotionslos draufsehend. Es verwundert mich immer öfter, weil….das bin ich nicht….so bin ich nicht.

Erwachsen sein?

17. Dezember 2013

Mir wurde vor Kurzem von einem Menschen, der lange schon Umgang mit schwer traumatisierten Menschen in einer Klinik hat, gesagt:

„Ich war geschockt, als ich erfuhr, dass Sie 25 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet haben! Ich hatte bei Ihnen gedacht, dass Sie nie arbeitsfähig waren in ihrem Leben, so, wie ich Sie hier sehe und erlebe. Ich habe immer das Gefühl, Sie wollten am Liebsten unsichtbar sein.“

Oh Mann, das hörst du, bist erstmal wie gelähmt, und dann steigt die Verzweiflung hoch.

Aber in diesem Gespräch, so glaube ich jedenfalls, konnte ich das erste Mal einem Menschen deutlich machen, wie schlimm es für mich ist, dass seit 11 Jahren alles an Fähigkeiten weggebrochen ist. Dass ich ein anderer Mensch zu sein scheine. Nichts ist mehr wie vorher! Du hast keinen Boden unter den Füßen, findest keinen Halt mehr.
Ein Viertel Jahrhundert habe ich mit guter Leistung dem Staat gedient, habe seine Kinder erzogen, behütet, ihnen das Leben gelehrt. Ein Viertel Jahrhundert! Das klingt doch nach einer langen Zeitspanne, oder?

Und plötzlich, von heute auf morgen, finde ich mich in einem anderen Film wieder, einfach so. Warum?
Mein Stiefvater hatte seinen Besuch bei mir angekündigt. Rumms…war ich auf einmal in der Kindheit, weinte und schrie …meine Tochter stand hilflos daneben, geschockt.
Seit diesem Tag war alles anders. Es war ein Tag im September 2002.
Der spätere Versuch (ein Jahr danach), wieder im Beruf Fuß zu fassen, dauerte nur knapp zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen alles an Symptomen stärker wurde, sich die Zwänge, der Ekel, die Schmerzen, die Flashs, die Dissoziationen verstärkten.
Der schnelle Wiedereintritt in den Beruf war der größte Fehler, der begangen wurde, leider nicht von mit initiiert, sondern gegen meinen Willen durchgesetzt. Ich selbst wusste ja, dass noch überhaupt nichts stimmt mit mir nach diesen ersten 9 Monaten Therapie.
Seit dem einen Tag im Oktober 2002 ist jede Therapie daran vorbei gegangen, etwas Erwachsenes aus mir wieder hervor zu holen. So oft ich darum bat, keiner nahm mich wirklich ernst mit diesem Wunsch.
Scheinbar wirkte ich reif genug, stark genug, meinen Alltag zu bewältigen.
Aber wie soll man Therapeuten klar machen, dass dies schon die Kinder können, weil sie es immer können mussten? Niemand nahm mich wirklich ernst, niemand.
Und glaubt mir, ich habe stets gewusst, was ich brauche, und es immer angesprochen. Aber es war umsonst.
Es ging immer nur um „Stabilität“.
Stabilität? Was ist das für uns? Überleben, irgendwie!!!!! Also wurde alles an Fertigkeiten heraus geholt, was die Kinder hatten. Rumms … genau dies ist der Punkt! Fertigkeiten der Kinder!
Und die hatten sie, sonst wären wir längst nicht mehr am Leben!
Also fleißig verstecken, dissoziieren, tot stellen, nichts fühlen! Ich kann euch sagen, dass ich immer sehr offen in den Therapien war. Aber wirklich zugehört hat wohl niemand.

Und nun stand ich also da, hörte, welchen Eindruck mein Verhalten hinterlässt, war geschockt, aber gleichzeitig war es ja seit 11 Jahren nichts Neues für mich! Darum verstecke ich mich ja vor der Welt! Weil ich mich eben NICHT wiedererkenne, weil ich mich schäme, weil ich keine Zumutung sein will.

Diese vielen Jahre falschen Trainings soll ich nun schlagartig ändern können: Ja, da sein Sie doch mal erwachsen!
Halleluja! Fein!
Hu, jetzt steigt endlich mal Wut hoch. Wut auf die Behandler, die sich Traumatherapeuten nannten, die von sich glaubten, allwissend zu sein, alles zu kennen und zu können! Ich, die stets deutlich war, habe meinen Mund umsonst fusselig geredet. Warum hört man dem Patienten eigentlich nicht zu? Er weiß doch am Besten, was in ihm abgeht! Vielleicht war auch dies der Grund, mich selbständig mit der Fachliteratur zu befassen. Hilfe zur Selbsthilfe! Nur … es funktioniert nur in der Theorie, der Verstand begreift die Zusammenhänge, die Lösungsvorschläge …der Verstand!
Der aber scheint abgetrennt von meinen Ich-Wesen. Sie verstehen dies nicht. Nun rede ich mich an mir selbst fusselig …auch umsonst.
Ich hab den Hals voll, echt!

Fetzen vor 10 Jahren ! Triggergefahr

28. Mai 2013

Tagebuch
Montag, den 31.März 2003

Hab mich ausgeweint bei G. S.. Kann es nicht glauben. Verstehe nicht, wie man so etwas abspalten könnte.
Am Freitag im Einzelgespräch erzähle ich von der Abweisung durch meine Mutter, der immerwährenden Angst. Und, dass ich nie weinen durfte oder auch nur eine Stimmung zeigen durfte. Frau M. fragt: ”Haben sie in der Schule geweint?”
Sprachlos sitze ich da und begreife: Nie in meinem Leben hat das Kind je über seinen Schmerz geweint vor anderen Menschen. Erst hat es die Mutter verboten, dann hab ich es mir verboten.

Und ich fange an zu verstehen, was aus mir geworden ist.
Und ich beginne langsam für mich zu akzeptieren, dass ich aus mehreren Seelen bestehe. In den letzten Wochen haben sich da der Säugling gezeigt, das Kleinkind und die 12 jährige. Glaube ich mal erwachsen zu sein, dann ist in Wahrheit die 12 jährige da. Sehe es an meinen Gesten, der Mimik und dem total verspielten Wesen. Und daran, wie ich vor Angst zittere, wenn es an ein Gespräch geht.
Und zum ersten Mal konnte ich fühlen, dass ich das traurige Kind in mir in den Arm nehmen kann und muss. Nur so kann der Schmerz raus und die Seele gesunden.
Erst letzten Donnerstag war das Kleinstkind da, das in der Ecke zusammengekauert hockte und den Schmerz und die Einsamkeit heraus schrie. Frau M. brauchte sehr lange um mich aus dieser falschen Zeit heraus zu holen. Und danach kamen die Erinnerungen bis ins Detail: wie meine Mutter zu mir war und was ich tagtäglich für Ängste ausstehen musste.
Wie ich den heutigen Tag verarbeiten soll und kann, das weiß ich noch nicht. Vielleicht sitze ich gerade dazu jetzt vor meinem Tagebuch.
Heute erzählte ich wieder von meiner Mutter, um zu erklären, warum ich vor den anderen in der Klinik einfach nicht weinen kann.

Neu ist zwar, dass ich nicht mehr “abhaue”/ mein Geist ist nicht mehr anwesend/ nehme die Umwelt nicht mehr wahr/ verflüchtige mich auf meine Wolke, die mich endlich mitnehmen soll — nein, ich hau nicht mehr ab.
Da ist plötzlich die 12 jährige mit ihrem pubertären Widerstand, der Gegenwehr, dem Trotz – ist anwesend, übernimmt den Schmerz und hält die Kleine im Arm. Bin also irgendwie da und verstehe, was um mich herum abläuft. Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, wo ist die 41 jährige??? Frau M. jedenfalls hat sie noch nie gesehen.

Im Gespräch landete ich logischerweise wieder bei den Prügeleien meines Stiefvaters. Denn zu tief sitzt der Schmerz, dass mir niemand je zu Hilfe eilte. Meine Mutter sah einfach weg, meine Geschwister durften das “Prügelzimmer” nie betreten während der Schläge und auch lange Zeit danach nicht.
Fühle noch wie heute, wie ich zusammengekauert am Ofen hocke und mir die Seele aus dem Leib weine, Minuten und Stunden danach. Und niemand durfte zu mir, mich trösten. Mein Brüderchen wimmert in seinem Zimmer, meine Schwester musste alles im Nebenzimmer mit anhören.
Ich erzählte weiter, dass irgendwann (als ich ungefähr 13 war) meine Schwester sich vor meinen Vater warf und gegen ihn ankämpfte um mich zu schützen. Es war das erste und einzige Mal.

Was ich aber nie begriff war: Warum übernahm ab diesem Moment meine Mutter die Funktion des Schlägers??
Warum hörte sie nie, wie ich unter ihren Schlägen nach ihr rief: Mutti!! ?????

M. fragt mich: “ Was fühlen sie bei den Schlägen ihres Stiefvaters? Was genau tut ihnen weh?”

Weinend sitze ich da, spüre die Schläge auf meinem Körper einprasseln – aber da ist kein Schmerz, der von den Knochen ausstrahlt, von der Haut oder dem Kopf.
Wieder fragt M.:
“Was nehmen sie von ihrem Körper wahr? Wo tut es weh?”

Ich fühle, wie mir die Brust, der gesamte Oberkörper zerspringen will, spüre meine Beine nicht mehr, meine Scheide drückt, scheint doppelt und dreifach so groß – ich sitze darauf, sie ist im Weg.
Ich will aber nichts sagen.
M. drängt mich, auszusprechen, was ich gerade fühle.
Kriege Panik, mein ganzer Körper weint. Tränen fließen so viele, wie schon Jahre nicht mehr.
Aber ich kann es sagen – es rückt so ins Bewusstsein. “Meine Scham ist doppelt so groß.”
Jedes andere Wort über mein Geschlechtsteil ist in diesem Moment so widerwärtig für mich.
Riesiges Entsetzen breitet sich in mir aus, eine Klappe fällt.
In mir bäumt sich etwas auf und ganz tief in einem Eckchen ist da jemand, der mich ansieht und sich dann hinlegt mit einem Hauch von Erleichterung auf dem Gesicht.

Jetzt, noch Stunden danach, spüre ich das in jenem Moment Gefühlte. Will es nicht begreifen, nicht wahrhaben. Was war da im Zimmer passiert?? Finde keine Bilder, bin verzweifelt, möchte mich irren.
Stunden später:
Habe viel geweint, mit B. geredet, bin erschöpft, will schlafen.

Ich erinnere mich an M., wie sie bemüht ist, meine (auf sie übergesprungenen) Gefühle abzustreifen. Ich sehe sie so anteilvoll, schützend und stark. Fühle mich geborgen. Ich weine vor Erleichterung. Werde den nächsten Tag schaffen. Gute Nacht.

Mein Grauen

18. März 2013

Juni 2006 Rehaklinik in Hessen
Es war Ende Juni, nach 4 Wochen Aufenthalt ging es mir schlechter als je zuvor. Die vielen Gruppentherapien mit bunt gemixtem „Publikum“: Mobbingopfer, Burnout, PTBS Typ 1, Depressionen öffneten ungeahnte tiefe Schleusen in mir, alle bereit, mich zu verschlingen. Trigger an Trigger gaben sich die Hand, ich war machtlos, wurde zu den Therapien gezwungen, da man der Kasse sonst meine Verweigerung mitgeteilt hätte.
Es gab im obersten Geschoss einen Raucheraufenthaltsraum, der aber schon 22 Uhr abgeschlossen wurde. Ihr könnt euch meine schlaflosen Nächte vorstellen. Meist saß ich heulend und zusammengekauert auf meinem Balkon und rauchte, was dort eigentlich verboten war. Aber ich wusste nicht, wie ich die Nächte sonst hinter mich bringen konnte. Das ging bis zu dem Tag gut, als direkt über mir ein neuer Patient einzog. Mitten in der Nacht erschreckte er mich von oben und blaffte mich wegen dem Rauchgeruch an.
Zwei Tage später war, wie üblich einmal pro Woche, die Großvisite mit der Chefärztin auf meinem eigenen Zimmer. Ich saß auf meinem Bett, damit die Ärztin sich auf den Stuhl setzen konnte. Dann begann das Grauen für mich.
Sie sprach von der Hausordnung, von der Möglichkeit, nach Hause geschickt zu werden, wenn man sich daran nicht hält, und von der Beschwerde des Patienten über mir. Glaubt mir, mit jedem ihrer Worte wurde ich immer kleiner und verängstigter. Ich schaute beschämt nach unten auf meine Füße. Wusste ich doch, dass auf dem Balkon Rauchverbot war. Plötzlich rief sie: „Sehen sie mich gefälligst an, wenn ich mit ihnen rede!“ Wumms, baddabumms war ich im falschen Film. Genau diesen Satz hörte ich immer in meiner Kindheit (natürlich mit dem Wort DU), wenn es einen Schuldigen zu finden galt, oder wenn ich was ausgefressen hatte, oder wenn ich die Note 3 hatte, oder, oder, und. Jedenfalls leitete dieser Satz meist eine Prügelorgie ein. Und glaubt mir, die Angst war gewaltig, jedesmal. So nun auch in dieser Situation. Ich fing sofort an, am ganzen Körper zu zittern, sah nach oben, nahm die Personen im Raum nur noch hinter einem Schleier wahr. Ich war voll von Hilflosigkeit und Angst. So kann ich auch gar nicht mehr sagen, wie die Visite zu Ende ging. Kann mich absolut nicht erinnern.
Nur eines weiß ich bis heute: Dieser Satz von einer Therapeutin, der ich anvertraut war, der ich ausgeliefert war, dieser Satz löste zum ersten Mal in meinem Leben die bewusste Handlung zu einem Selbstmord aus.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, nur, dass ich auf die Mittagspause gewartet habe (zum Essen konnte ich einfach nicht gehen), weil dann garantiert niemand mehr in die Zimmer kam. Ich hatte zur Anreise natürlich nicht meine ganze Tablettensammlung abgegeben. Ich stopfte alles in mich rein, was ich fand… 12 Tavor a 1mg, eine 20iger Packung Schlaftabletten, mind. 20 Trevilor und noch Trimipramin. Dann legte ich mich ins Bett und wollte nur noch einschlafen und dann wegbleiben für immer.
Zeitgefühl hatte ich keins, weiß nicht, wie lange ich gelegen habe. Plötzlich aber hörte ich die Stimme meiner Tochter. Ich fand das schrecklich, aber die Stimme hörte nicht auf. Irgendwie schaffte ich es in die Toilette, steckte meinen Finger in den Hals (als Studentin geübt), wieder und wieder, bis kein Tropfen mehr kam. Dann legte ich mich wieder hin. War unendlich traurig. Geschlafen habe ich dann über 24 Stunden.
Es gibt heute noch Momente, an denen ich verfluche, das nicht durchgezogen zu haben, so wie ich verfluchte, die Lungenembolie 2003 überlebt zu haben (Vielleicht rauche ich deshalb mehr als je zuvor?), so wie ich heute noch verfluche, den Genickbruch 1998 überstanden zu haben.
Es wird wohl nie wieder die Kraft geben, eigens Hand anzulegen, aber ich hoffe noch immer, dass die Natur die Sache übernimmt. Davon werde ich wohl nie loskommen, solange ich keinen Sinn zu leben finde.

Und: Gott sei Dank ist mir so eine Therapeutin nie wieder über den Weg gelaufen!


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